Porträt : Das Glitzern der Brauereikessel

Typisch Bundesrepublik: Ulf Erdmann Ziegler schreibt mit „Wilde Wiesen“ seine Autogeografie. Stadtnamen wie Berlin oder Köln sind ihm zu profan.

Gerrit Bartels
ziegler
Ulf E. Ziegler. -Foto: Benjamin Katz

Das Wörtchen hat was, wie es da zwar klein, aber unübersehbar unter dem Titel von Ulf Erdmann Zieglers Buch „Wilde Wiesen“ prangt: „Autogeografie“. Man liest es selten, – Google fragt immer: „Meinten Sie Autobiografie?“ –, es dürfte als literarische Gattungsbezeichnung ziemlich neu sein und erweist sich als ein umsichtig-geschickter Schachzug. „Autobiografie“ wäre womöglich doch eine Idee zu anmaßend gewesen bei einem 48-jährigen, bislang vor allem als Kunst- und Architekturkritiker hervorgetretenen Autor, der im vergangenen Frühjahr mit dem vielgelobten Roman „Hamburger Hochbahn“ debütierte. Nur ein paar Monate später legt er jetzt tatsächlich ein Erinnerungsbuch vor, mit all den fiktiven Fallstricken, die so ein Buch haben kann.

Als Autogeografie ist „Wilde Wiesen“ dann auch konsequent kapitelweise unterteilt nach den Orten, in denen Ziegler seine Kindheit und Jugend verbrachte und seine Schulferien verlebt hat, in denen er Zivildienst gemacht oder studiert hat: Lindenthal, Neumünster, Orschel-Hagen, Dorstfeld, Neukölln und ein paar mehr. Auch die Ortsnamen als Kapitelüberschriften hat Ziegler nicht zufällig gewählt, weil sie seine Biografie eben so hergaben, sondern mit Bedacht – so als würde er wie der kleine Marcel bei Proust mit der Bahn von Paris nach Balbec fahren und die etymologische Herkunft der jeweils passierten Orte erforschen wollen. Wie profan urban klingen doch Berlin, Dortmund oder Köln!

Denn so wie Ulf Erdmann Ziegler hier eine durchaus handelsübliche Autobiografie gezielt in eine Autogeografie verwandelt, so geht es ihm in seinen Erinnerungen gleichfalls um eine Kartografierung und Literarisierung der bundesrepublikanischen Provinz der sechziger bis achtziger Jahre – beginnend vor dem Hintergrund der regelmäßigen Fahrten als kleiner Knirps im Fond eines Ford Taunus zur Oma nach Köln-Lindenthal und endend in Dortmund-Dorstfeld, wo der in seinen frühen Zwanzigern sich befindende Erzähler mehr oder weniger erfolgreich und lustvoll Fotografie studiert, damit vorsichtig gegen den Vater opponiererend: „Fotografie, das hat doch keinen Geist“, hatte dieser gesagt.

Ziegler erzählt nicht chronologisch. Er springt mal vor und wieder zurück, gerade in der zweiten Hälfte des Buchs, wohlwissend, dass die Erinnerung ihre eigene Beschaffenheit hat, ihre Lücken, ihre willkürlichen und unwillkürlichen Momente, und sich dabei die Erlebnisse und Jahre gern überblenden: „Auch muss ich zugeben, dass ich nicht mit sieben Jahren Schach gespielt habe, sondern mit zwölf. Alles, wovon hier die Rede ist, spielte in der Zeit dazwischen, unter der schwäbischen Sonne, wo Kinder immer recht hatten und wo es nicht so schlimm war, wenn nicht.“

Wo Ziegler aber immer präzise ist, wo seine Sprache zwar elastisch und funkelnd bleibt, man ihrem Autor aber die Nähe zur Architektur anmerkt, das ist bei der Beschreibung der Wege, die er durch Neumünster oder Konstanz macht, bei der Beschreibung der Häuser, in denen er wohnt, den Grundstücken, auf denen er sich aufhält, und wie diese sich zu ihrer Umgebung verhalten: „Der Garten meiner Kindheit war ein Handtuch auf dem holsteinischen Geestrücken, einer sandigen Ebene, gerahmt von anderen Kindheitsgärten gleichen Schnitts, in einer Siedlung, die an offene Weiden grenzte, die wir Koppeln nannten.“ Gerade hier zeigt sich Ziegler ein weiteres Mal als großer Stilist, als der er sich schon mit „Hamburger Hochbahn“ erwiesen hat (wo allerdings der fein geschliffene Stil zuweilen weit mehr beeindruckte als der erzählte Stoff).

Es ist diese nüchterne sprachliche Genauigkeit, die zum einen ein lebendiges Bild der provinziellen Normalität zeichnet und Ziegler zum anderen davon abhält, allzu sehr in Erinnerungsseligkeit zu schwelgen. Von den Nöten der Adoleszenz und späterer „Ich“-Findungen haben ja schon viele erzählt, gerade auch solche mit einem beträchtlicheren Werk als Ziegler. Und es ist auch nicht so, dass die literarische Welt auf die Erzählung der Irrungen und Wirrungen aus dem jugendlichen Geschlechtsleben von Ulf Erdmann Ziegler gewartet hat oder wissen will, wie dieser sich in Berlin Kleidung und Haushalt zusammenstiehlt und sich irgendwann dafür verantworten muss. Gute Güte.

Trotzdem gelingt es Ziegler immer wieder, den Leser nah heranzuzoomen, ihn für seine Geschichte zu interessieren, für sein Großwerden in einem Lehrerhaushalt in einer norddeutschen Kleinstadt wie Neumünster, für seine ersten zarten Rebellionsversuche in einer christlichen Gemeinde, für seine Erfahrungen mit geistig behinderten Kindern während des Zivildiensts. Der Grund dafür ist das richtige Maß, das Ziegler zwischen der erzählten Nähe und der Distanz zu sich selbst findet. Er lässt es richtiggehend blitzen und funkeln, wenn er etwa eine Fahrt durch das Ruhrgebiet beschreibt, („und dabei sah ich die dunkelgrau gekörnten Häuser am Autofenster vorbeiziehen, die von Graffitti entstellten Bushaltstellen und Notrufsäulen der Polizei, ... das Glitzern der Kessel in der Brauerei“).

Er hält sich wiederum zurück mit dem Schildern von pseudogemeinschaftsstiftenden Wir-Erlebnissen; bestimmte Fahradlenker, Kleidungsuniformen (Parka und Jeans) oder die Funktionsweise eines altertümlichen Kaugummiautomaten sind da schon das Äußerste an generationskonstituierenden Dingen. Und er behält es sich bei seinen Erinnerungen immer vor, Reflexionsebenen einzuziehen, wenn er etwa bei einem einjährigen USA-Aufenthalt in Oklahoma City mit den schnurgerade und ordentlich von Ost nach West und Nord nach Süd gerasterten Straßen bemerkt, dass man sich nicht verrirren, aber dennoch verloren gehen könne, da hier „alle Dinge des Lebens aufgehoben sind, von der frühesten Erinnerung bis zur letzten Fahrt“.

Überhaupt „OK City“, wie Ziegler es nennt. Er fühlt sich dort „möglicherweise im typischsten Haus Amerikas, in der typischsten Familie, in der typischsten Stadt“, auf Abruf zwar, für ein Jahr, als Außenstehender. Und doch passt diese typischste amerikanische Stadt, in der er schon mal ein paar „wilde Wiesen“ entdeckt, bestens in dieses Buch, das trotz seiner originellen Gattungsbezeichnung von einer typischen Reifungszeit mitsamt dem notorischen Sich-Fremd-Fühlen in einer typischen bundesrepublikanischen Familie in typischen bundesrepublikanischen Orten und Gemeinden handelt. Aufregendes erzählt Ziegler nicht. So war es nunmal, damals in der Bundesrepublik. Aufregend, spektakulär dagegen ist, wie Ziegler erzählt und sein Material arrangiert.

Ulf Erdmann Ziegler: Wilde Wiesen. Autogeografie. Wallstein Verlag, Göttingen 2007. 154 Seiten, 18 €

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