Kultur : Porträt der Muse als junger Mann

Jeanne Moreau spielt in Josée Dayans Film „Diese Liebe“ die späte Marguerite Duras – und die Passion der Schriftstellerin für einen Philosophiestudenten

Kerstin Decker

Sie hat nicht mehr geschrieben. Und die wöchentliche Kolumne für die „Libération“ war ihr unerträglich schwer. Sie trank auch nicht mehr. Fünf Jahre lang bekam sie Briefe von diesem jungen Philosophiestudenten. Sie hat diese Briefe geliebt. Dann kamen keine Briefe mehr. Dann kam er selbst zu ihr nach Trouville. Sie lebte in Trouville wie eine Einsiedlerin. Fast ohne Menschen. Fast ohne zu schreiben. Fast ohne zu trinken.

Sie war 66 Jahre alt, er war 28.

Eine skandalöse Liebe, sagt Jeanne Moreau. Die alte Jeanne Moreau spielt die alte Marguerite Duras. Alt – doch, man darf es so einfach sagen. So ungeschützt. Wie schockierend und selbstverständlich die Duras das Wort gebrauchen konnte: „Eines Tages, ich war schon alt, kam in der Halle eines öffentlichen Gebäudes ein Mann  auf mich zu.“ So beginnt „Der Liebhaber“, eines ihrer bekanntesten Bücher. Darin steht auch, dass sie mit 17 gealtert sei. Und dann: „Ich habe ein von trockenen und tiefen Falten zerfurchtes Gesicht, mit welker Haut... Ich habe ein zerstörtes Gesicht.“ Kann man ein solches Gesicht lieben? Aber dieser junge Student liebte die Schriftstellerin ja schon, als er sie noch gar nicht kannte. Oder eben viel besser kannte – aus ihren Büchern. Er kannte sie aus jener Art von Missverständnis, die einen fragen lässt: Woher weiß der, woher weiß die das von mir? Er liebte Marguerite Duras für ihr Expertentum seiner Seele. Er liebte sie um seiner selbst willen. Die Liebe: ein unendliches Spiegelspiel. Wen meint sie? Wirklich den anderen oder doch einen selbst?

Kino hat da ein Problem. Es kann nur das Beieinander von Menschen zeigen, wenn es die Biografien ihrer Seelen schreiben will. Und gerade das französische Kino besitzt diese eigentümliche Hingezogenheit zu Themen, die sich für Traktate oder Romane eignen. Romane können das: außen und innen zugleich sein. Also – natürlich ist das ein Reiz – hängt alles an den Gesichtern, den Körpern, den Stimmen. An dem Gesicht der großen Jeanne Moreau, die mit der großen Marguerite Duras befreundet war. Und an dem jungen Gesicht von Aymeric Demarigny.

Mag sein, die Regisseurin und einstige Chabrol-Assistentin Josée Dayan wollte genau so ein Gesicht. Klar bis zur Lächerlichkeit, ohne Inschriften. Ein Wesen wie reine Natur, genau das, was sonst die Männer in den Mädchen suchen. Klug sind sie selber, nur unberührt nicht mehr. Auch dieser Yann sieht nicht unbedingt aus, als hätte er schon mal ein Buch zu Ende gelesen. Genau das ist ein Problem des Films. Im „Tod in Venedig“ musste der Junge Tadzio nicht mehr sein als eine lächelnde Verheißung der Natur. Der Yann der Marguerite Duras aber muss mehr sein. Doch man glaubt ihm nicht die antwortende Seele.

Dafür glaubt man Jeanne Moreau umso mehr. Wie sie diesen Jungen enteignet. Sogar den Namen bekommt er erst von ihr. Yann Lemée heißt ab sofort Yann Andrea. Und du bist nun mal – sublimes Herrschaftsmittel Gottes – das Geschöpf dessen, der dir deinen Namen gibt. Ja, sie demütigt ihn. Denn seine Jugend ist Demütigung für sie. Seine Nähe überhaupt zugelassen zu haben, ist Demütigung.

Und noch etwas: Als er zum ersten Mal bei ihr ist, im August 1980, hat sie plötzlich Lust, ein Glas Rotwein mit ihm zu trinken. Später wird er sagen: Seit dem ersten Tag unseres Zusammenseins haben wir getrunken. – Marguerite Duras hatte gewählt: (wieder) den Wein, (wieder) das Schreibenkönnen, wieder die Liebe. Sie hatte ihren Tod gewählt. Und manchmal, wenn sie Yann ansah, wusste sie, dass er ihren Tod wünschte, ohne es zu wissen. Und dafür hasste sie ihn. Die dunkle, raue Stimme Jeanne Moreaus trägt all das, als sei es das Selbstverständlichste. Und lächeln kann sie in allen Farben: Ein kokettes Mädchenlächeln öffnet sich plötzlich zu einer Überdeutlichkeit, die das Mädchenhafte karikiert und zu einem Ausdruck von Herrschaft wird.

Die Ausbruchsversuche der beiden sind wenige. Ein klaustrophobisches Spiel. Dafür hat Kino nun doch Talent. Er ist die Muse, der Pfleger, der Vertraute, der Geliebte, der Sekretär. Ihre letzten großen Bücher schreibt sie nur durch ihn. Dann kommt der 3. März 1996, „und du bist tot“. Der Himmel ist leer und voller Verheißung zugleich. Das zweite Leben des Yann Andrea beginnt.

Balász; Eiszeit und Steinplatz (jeweils OmU)

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