Porträt des Musikers Francesco Tristano : Zwischen Club und Konzertsaal

Bei Francesco Tristano fließen Klassik und zeitgenössische Elektromusik wie selbstverständlich ineinander.

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Mal braver Schwiegersohn, mal böser Bube. Francesco Tristano ist ein musikalisches Chamäleon – erfolgreich im Ensemble, in der Band und als Solokünstler.
Mal braver Schwiegersohn, mal böser Bube. Francesco Tristano ist ein musikalisches Chamäleon – erfolgreich im Ensemble, in der...Foto: Universal Music

Im Kammermusikaal Berlin ist Franceso Tristano vor ein paar Jahren aufgetreten. Ein Schlaks kam damals aufs Podium, schwarzer Künstlerschal, schwarzes lockiges Haar. Neben dem Flügel wartete schon ein Synthesizer. Der Luxemburger bewegte sich geschmeidig wie ein Balletttänzer, sein ganzer Oberkörper war im Einsatz, als er Auszüge aus Bachs Goldberg-Variationen und Variationen der Arie „La Capricciosa“ von Dietrich Buxtehude spielte. Mit einer charmanten Mischung aus Schüchternheit und Draufgängertum.

Als sich eine ostinate Bassfigur ein bisschen zu oft wiederholte, wurde klar: Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen für Tristanos Eigenkompositionen. Die sind sein Markenzeichen. Er lässt zeitgenössische elektronische Musik wie selbstverständlich aus barocken Stücken des 18. Jahrhunderts hervorgehen. Beides fließt ineinander, so dass es nicht gezwungen, sondern natürlich wirkt. „Long Walk“ heißt das Stück, das er im Kammermusiksaal spielte. Es basiert auf den ersten acht Noten der Aria aus den Goldberg-Variationen, klingt fast wie Minimal Music. Sie sind die Chamäleons der klassischen Musik: junge Männer, die einen Traum leben. Die die Genregrenzen zwischen Klassik und Pop einreißen, die wissen, dass das eine auf dem anderen aufbaut, die in beiden Welten zuhause sind – und in beiden gleich gut: in den 80er Jahren Nigel Kennedy an der Geige, jetzt David Garrett. Oder Cameron Carpenter an der Orgel, Martin Grubinger am Schlagzeug. Und eben Francesco Tristano, als Pianist und Soundmixer. Es sind Künstler, die im einen Moment braver Schwiegersohn, im nächsten böser Bube sein können. Oder eben beides zugleich. Musikalische Metamorphosen.

Mit 5 Jahren erster Musikunterricht, mit 13 ein Konzert mit eigenen Kompositionen

Ja, Luxemburg: Das ehemals große Grand-Prix-Land (fünf Teilnahmen) hat eben nicht nur Vicky Leandros hervorgebracht. Sondern auch Francesco Tristano, geboren 1981 in der Hauptstadt. Eigentlich ist Tristano sein zweiter Vorname; seine Mutter hatte eine Schwäche für Richard Wagners Opern. Sein Familienname lautet Schlimé, aber den lässt er heute meistens weg. Mit fünf Jahren erster Musikunterricht – das ist noch im Rahmen des Üblichen. Mit 13 ein erstes Konzert mit eigenen Kompositionen, das lässt schon aufhorchen. Lange hat es Francesco Tristano nicht in seinem Heimatland gehalten, er studierte in Brüssel, Riga und Paris, bevor er für fünf Jahre an die Talentschmiede Juilliard School nach New York ging. Wo für viele die Grundlagen einer Musikerkarriere gelegt werden.

Die von Francesco Tristano gleicht einer Gabel mit zwei Zinken. Er hat sich auf Barockmusik und Neue Musik gleichzeitig spezialisiert. 2001, mit 20 Jahren (!), gründete er das Kammerensemble The New Bach Players, mit dem er Bachs Cembalokonzerte, die Goldberg Variationen und die Französischen Suiten und Toccaten von Girolamo Frescobaldi auf CD herausbrachte. Dem steht die Einspielung des kompletten Klavierwerks von Luciano Berio gegenüber. 2006 gründete er mit den Musikern Aymeric Westrich und Rami Khalifé die Band Aufgang, deren gleichnamiges Debütalbum 2009 herauskam. Den gleichaltrigen Khalifé, ein Pianist mit französisch-libanesischen Wurzeln, lernte er an der Juilliard School kennen, wo beide gut klarkamen – weil sie das gleiche Ziel hatten: jenseits des ritualisierten klassischen Konzertbetriebs eine eigene „zeitgenössische Klassik“ zu schaffen. Bewusst gewählt haben sie das deutsche Wort „Aufgang“ als Bandnamen: Ein (Treppen-)aufgang ist eine Zwischenwelt, nicht mehr Straße, noch nicht Wohnung, und so schwebt auch die Musik der Band mit Piano, Live Drums und techno-inspirierter Elektronik zwischen Club und Konzertsaal. Die Zeit allerdings bleibt nicht stehen, 2014 verließ Tristano die Band, die jetzt als Zweimannprojekt weitermacht.

Weitere wichtige Alben von ihm sind „Not for Piano“ (2007), auf dem er Technoklassiker für Piano Solo umgeschrieben hat, „Idiosynkrasia“ (2010), das aus einer Zusammenarbeit mit dem Detroiter Technoproduzenten Carl Craig entstand, „BachCage“ (2011) und eben „Long Walk“ (2012), das er im Kammermusiksaal präsentiert hat und auf dem er Bach und Buxtehude mit eigenen Mitteln weiterdenkt. Aber er tritt auch als „gewöhnlicher“ klassischer Musiker auf; sein Konzertkalender allein im Oktober hat ihn an so disparate Orte getragen wie Santiago de Compostela, Bielefeld und Sao Paulo. Er lebt als Vater zweier Kinder in Barcelona. Der Luxemburger Franceso Tristano ist heute ein Weltbürger.

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