Porträt des Pianisten Holger Groschupp : Der Akkordarbeiter

Holger Groschopp sitzt auf dem Podium der Philharmonie meist hinten links, er ist der Mann an den Tasten. Begegnung mit einem Teamplayer.

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Herzensmusiker. Holger Groschopp ist ein vielseitiger Pianist, in der Philharmonie spielt er auch Orgel, Cembalo, Celesta, Harmonium. Hier probt er mit dem Jungen Ensemble Berlin Viktor Ullmanns Klavierkonzert in der Zehlendorfer Droste-Hülshoff-Schule.
Herzensmusiker. Holger Groschopp ist ein vielseitiger Pianist, in der Philharmonie spielt er auch Orgel, Cembalo, Celesta,...Foto: Thilo Rückeis

Über so was gibt es ja leider keine Statistiken – aber unter allen lebenden Pianisten dürfte Holger Groschopp wohl ziemlich sicher derjenige sein, der am häufigsten im großen Saal der Berliner Philharmonie aufgetreten ist. Allerdings nicht im Alleingang, also im Rahmen von sogenannten Recitals, bei denen alle Zuschaueraugen auf den Virtuosen und seinen Flügel gerichtet sind. Bearbeitet Holger Groschopp abends am Kulturforum die Klaviatur, dann sind da fast immer jede Menge andere Musiker mit auf dem Podium. Wenn nämlich die Berliner Philharmoniker oder auch das Deutsche Symphonie-Orchester ein sinfonisches Werk aufs Programm nehmen, bei dem laut Partitur neben Streichern, Bläsern und Schlagwerk auch ein Tasteninstrument vorgesehen ist, dann rufen sie meistens bei Holger Groschopp an. Cembalo, Orgel und Harmonium hat er im Scharoun-Bau schon bedient, aber meistens sitzt er an der Celesta, einer Art Tasten-Glockenspielklang, oder eben am Klavier. Auch wenn sein Platz dabei zumeist ganz hinten links ist, dürfte sein Gesicht allen regelmäßigen Berliner Konzertgängern vertraut sein.

Begonnen hat alles mit einer Rettungsaktion. Als kurzfristig ein Ersatz für den eigentlich vorgesehenen Pianisten gebraucht wurde, sprang Holger Groschopp mutig ein, bewährte sich, wurde wieder eingeladen, bewies erneut, dass er die unter Klavierprofis nicht zwangsläufig anzutreffende Fähigkeit besitzt, sich in ein Kollektiv einzufügen, nach den Vorgaben des Dirigentenstabs im musikalischen Fluss mitzuschwimmen. Über die Jahre entwickelte sich so ein enges Vertrauensverhältnis, rund ein Drittel seiner Zeit verbringt Groschopp inzwischen mit den Philharmonikern und dem DSO, in Berlin wie auch auf Tourneen in aller Welt.

Diese Gastengagements – in Musikerkreisen Muggen genannt, also „musikalische Gelegenheitsarbeiten“ – ermöglichen Holger Groschopp, immer wieder auch bei Konzerten mitzumachen, die nur wenig Geld bringen, ihm aber thematisch am Herzen liegen. Wie zum Beispiel am morgigen Montag beim Auftritt des Jungen Ensembles Berlin, einer ambitionierten Truppe von Freizeitmusikern. Neben Dvobáks „Karneval“-Ouvertüre und Bruckners 6. Sinfonie beinhaltet das anspruchsvolle Programm in der Philharmonie auch Viktor Ullmanns Klavierkonzert. Als Michael Riedel, der Dirigent des Jungen Ensembles, Holger Groschopp den Solopart anbot, sagte er spontan zu – auch wenn ihm klar war, dass er diese Rarität wahrscheinlich nur für dieses eine Konzert würde lernen müssen.

Aber Holger Groschopp ist ein neugieriger Mensch, schon als Jugendlicher schleppte er aus der Musikbücherei Steglitz alles nach Hause, was aus dem Repertoire des 20. Jahrhunderts greifbar war. Früh kam er so auch mit jener Generation von Komponisten in Berührung, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, weil sie Juden waren oder ihre Musik als „entartet“ galt. Viktor Ullmann, 1898 in Prag geboren, in Wien ausgebildet und 1944 in Auschwitz ermordet, ist heute vor allem durch seine Kammeroper „Der Kaiser von Atlantis“ bekannt, die 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt entstand. Stilistisch bewegt sich seine Musik zwischen den spätromantischen Klangwelten Gustav Mahlers und dem großstädtischen Expressionismus Kurt Weills. Groschopp hat schon einige Werke des Komponisten gespielt. Dass die Proben mit dem Jungen Ensemble Berlin in der Zehlendorfer Droste-Hülshoff-Oberschule stattfinden, wo Dirigent Riedel Musiklehrer ist, war ein schöner Zufall. Der 1964 geborene Groschopp hat hier nämlich selber einst sein Abitur gemacht – und im Schulorchester Geige gespielt.

Auch Trompetenunterricht bekam er als Kind, doch sein Hauptinstrument war immer das Klavier. Weil kein anderes Instrument ein vielseitigeres Repertoire hat. Ab dem zarten Alter von sieben Jahren war Holger Groschopp regelmäßig bei „Jugend musiziert“ dabei, sein Studium absolvierte er an der Universität der Künste bei George Sava und Isang Yun, gewann einen zweiten Preis beim Hamburger Brahms-Wettbewerb. Alles andere hat sich dann irgendwie ergeben. „Was die Karriereplanung betrifft, war ich immer ein schlechter Stratege“, sagt der 50-Jährige. „Selbstvermarktung konnte ich nie“. Bis heute hat er nicht einmal eine eigene Website. Und ist dennoch aus dem hauptstädtischen Musikleben nicht wegzudenken. Den Hochmut mancher Kollegen, die sich prinzipiell nur mit Meisterwerken abgeben, kennt er nicht. Er spielt alles, was ihm unter die Finger kommt. „Das künstlerische Rüstzeug erwirbt man sogar besser mit mittelmäßigen Stücken“, findet er. „Denn die muss man so spielen, dass dem Publikum die Schwächen gar nicht auffallen.“

Neben der Orchesterarbeit ist Holger Groschopp als Kammermusiker gefragt, tritt regelmäßig mit dem Scharoun-Ensemble auf sowie bei der Konzertreihe „Musica reanimata“, begleitet Schauspieler wie Peter Matik oder Hans-Jürgen Schatz bei Rezitationsabenden.

Aufpassen muss er nur, dass genug Zeit für eigene Projekte bleibt. Denn so beglückend gelungene Ensemble-Abende sein können, Soloprojekte sind fürs künstlerische Ego extrem wichtig, weiß Holger Groschopp. „Weil ich da für jeden Ton ganz allein verantwortlich bin.“ Für seine private Akkordarbeit hat er sich die hoch virtuosen Stücke von Ferruccio Busoni ausgesucht. Am Beginn des 20. Jahrhunderts machte sich der italienische Starpianist einen Spaß daraus, Opern- und Orchesterhits zu Klavierparaphrasen zu verarbeiten. „Bei Franz Liszts klingt der Klavierpart oft schwerer als er in Wahrheit ist. Bei Busoni verhält es sich genau umgekehrt“, erklärt Groschopp. „Zum Glück habe ich extrem große Hände.“ Diese Werke wiederzuentdecken, ist eine Pionierarbeit, die zwar unzählige Übestunden kostet, aber Spaß macht. Vier Busoni-CDs hat er bereits veröffentlicht, zwei weitere sind aufgenommen.

Ein Pianist tastet sich durchs Leben: Betrachtet man Holger Groschopps Künstleralltag zwischen Orchesterjobs, Kammermusikprojekten und Solo-Ambitionen, scheint es fast, als habe er sich den Konstruktionsplan dafür bei seinem Flügel abgeschaut. Der ruht auch in bestem Gleichgewicht auf seinen drei Beinen, hoch oben über den Gründerzeithäusern Friedenaus, in Groschopps Dachgeschosswohnung.

Am Montag, 13.1., 20 Uhr tritt Holger Groschopp mit dem Jungen Ensemble Berlin in der Philharmonie auf.

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