Porträt des Rappers Chefket : Nachtmensch mit Tagträumen

Entspannte Beats, positive Texte: Ein Treffen mit dem Berliner Rapper Chefket vor seinem Konzert im Columbia Theater.

Fabian Wolff
Der Berliner Rapper Chefket.
Der Berliner Rapper Chefket.Foto: Four Music

Es regnet, aber für Chefket scheint die Sonne. Zwei Stunden vor dem Interview wurde ein Remix-Video seines Songs „Rap & Soul“ hochgeladen, das er mit Xatar, Max Herre und Joy Denalane gedreht hat. Als der selbst erklärte „glücklichste Rapper der Welt“ zum Gespräch erscheint, hat der Clip bereits 5000 Klicks.

„Hier ist irgendwo ein Café, in das wir uns setzen können“, sagt Chefket. Leider hat es aber vor einer Woche dichtgemacht. „Es ist schwer, hier Wurzeln zu schlagen“, sagt er über seine Straße in Friedrichshain, in der er trotzdem schon seit Jahren lebt und Musik macht.

Vor zwei Jahren hat er dieser Straße den Song „Guter Tag“ gewidmet. Für Ice Cube war ein guter Tag einer ohne AK-Geballer, Chefket setzt niedriger an: Der Mann im Nachbarhaus schreit seine Frau nicht an, der Junkie vor der Bank liegt nicht in der Kotze, die Kassiererin gibt ihm das Wechselgeld direkt in die Hand. Der Track pendelt zwischen Melancholie und Optimismus und ist mit seinen entspannten Jazzrap-Beats so etwas wie Chefkets Visitenkarte. Alltagsbeobachtungen mit Verweis auf Größeres und zeitgemäßem Neunziger-Flair: Slacker-Tagträume auf dem Weg zum Späti.

Im ruhigen Deli ist Chefket begeistert: von der Bagel-Auswahl, dem Wort „Schmelzgrad“ und der Wanddeko. Die ganze „Genieß dein Leben!“-Nummer, die er auch auf seinem neuen Album „Nachtmensch“ ausbreitet, ist offenbar echt. Während er auf seinen Bagel wartet, erreicht sein Video 8000 Klicks. Nicht schlecht für jemanden, der in keine der deutschen Rap-Ecken so richtig reinpasst.

Der 33-Jährige kann glaubhaft bei einem Track mit Xatar oder Schwesta Ewa mitwirken, obwohl er keinen Straßenrap macht. Er ist kein Pop-Hedonist mit Blick auf Teeniefans wie Cro. Und trotz Kritik an „Immer mehr“-Ideologien passt er auch nicht zur Linksrap-Welle dieses Jahres. Am ehesten kann man ihn noch in der Nähe von Marteria verorten – tatsächlich war er schon mit ihm auf Tour – aber Chefkets Blick ist mehr auf den Asphalt unter seinen Füßen als auf lila Wolken gerichtet.

"Die da" war der erste deutsche Rapsong, den er bewusst hörte

Genauso facettenreich sind seine eigenen musikalischen Einflüsse. Sein erster bewusst gehörter Deutschrapsong, als kleiner Junge in der baden-württembergischen Kleinstadt Heidenheim an der Brenz ist „Die da“ von den Fantastischen Vier. Gleich danach kommt, als Realness-Ausgleich, die Fresh Familee. Deren Song „Ahmet Gündüz“ ist der Geschichtsschreibung nach der erste deutsche Raptrack überhaupt, aber die Pioniere aus Ratingen- West sind heute fast vergessen. Auf Chefket aber haben sie großen Eindruck gemacht: „Das hab ich zu Tode gehört. Die haben türkische Themen angesprochen, und das mit dieser Gesangslinie von Sezen Aksu unterlegt.“

Der Song ist aus der Sicht eines Gastarbeiters geschrieben, der über seinen Alltag und Rassismus berichtet. Mit seinem gebrochenen Deutsch und türkischen Vokabeln ist er auch ein früher Ahne von Haftbefehl und Celo & Abdi, die ihren Flow mit Lehnwörtern aus zehn Sprachen anreichern. Chefket (bürgerlich: Şevket Dirican), der trilingual aufgewachsen ist – „deutsch, türkisch, Rap“ – geht diesen Weg nicht. Nur einmal sagt er auf seinem Album statt Schmetterling „kelebek“, aber auch nur, weil es sich sonst nicht reimen würde.

„Bei uns hieß es: entweder du sprichst einen türkischen Satz ganz durch oder einen deutschen. Gemischt werden durfte nicht. Freunde wollten von mir immer Schimpfwörter lernen, aber ich hab denen dann lieber was Cooles beigebracht.“ Was Cooles, was Positives. Das ist Chefkets Ecke: „Ich mache positive Rap.“

Er glaubt an Gott, will aber nicht groß drüber reden

Irgendwann entdeckt Chefket US-Rap. Das zweite Nas-Album war eine Offenbarung, und die Einflüsse von A Tribe Called Quest hört man heute noch. Nur mit N.W.A., die kürzlich in dem Kinofilm „Straight Outta Compton“ gefeiert wurden, konnte er nichts anfangen: „Die haben immer Leute abgezogen, darauf hatte ich keinen Bock.“

Mit 18 klaut er in der örtlichen Drogerie das Album „Black On Both Sides“ von Mos Def. „Ich leg die Platte zu Hause ein, und gleich am Anfang sagt er das Basmala, die arabische Anrufungsformel. Das war wie eine Klatsche: Du Idiot, du hast die Platte geklaut und jetzt das.“

Tatsächlich hat seine Musik eine Ernsthaftigkeit und Bescheidenheit, die man von Rappern wie Brother Ali oder Kendrick Lamar kennt: Musik von gläubigen Menschen. Chefket verneint das nicht – „ich glaube auf jeden Fall an Gott“ – aber er möchte nicht unbedingt darüber reden, weil er nicht zu einem Symbol für Moslems gemacht werden möchte. Er mag Reggae, sagt er noch, wegen der Demut: „Mit Demut kann man über Gott sprechen, ohne dass es peinlich wird.“

Anfangs rappt er auf Englisch, jetzt sind die Texte deutsch

Von einem Freund in einer Künstlerkommune in Heidenheim bekommt er Mixtapes mit Otis Redding und Eric Burdon, die er bald überspielt, um eigene Sachen aufzunehmen. Professionelle Erfahrungen macht er in einer Jazzfunk-Band, mit der er das erste Mal auf Bühnen rappt. Erst auf Englisch, dann auf Deutsch, als er merkt, dass die Leute ihm zuhören.

Den Aufstieg von Straßenrap aus Berlin Anfang der nuller Jahre erlebt Chefket noch in Heidenheim: „Plötzlich haben die Leute in den Unterführungen ihre Videos gedreht und Scheiße erzählt. Aber viele haben sich dann auch wie in ihren Songs verhalten und damit ihr ganzes Leben verkackt.“

Seine Beats baut Produzent Farhot, einer der besten im Land

Ohne Aggro-Ambitionen geht Chefket nach Berlin und zieht für 100 Euro Miete in eine kleine Wohnung am Gesundbrunnen. Er macht sich einen Namen als Battle-Rapper und zehrt noch heute von seiner Erfahrung. Sein Anspruch ist, dass jeder Satz sitzen soll. „Oft rettet der Beat die Rapper“, sagt Chefket, der mit Farhot selbst einen der besten Beatmaker des Landes an seiner Seite hat.

Aus den 8000 Klicks sind jetzt 13 000 geworden und aus den kleinen Rap-Kellern ausverkaufte Clubs. Chefket geht auf Deutschlandtour. „Mein Vater hat immer gesagt: Streck die Beine nur so weit, wie die Bettdecke reicht. Wir haben zwei Backgroundsängerinnen, ein Piano und einen DJ. Es wird also ganz gut. Ach Quatsch: Es wird lebensverändernd.“

Drunter macht es Chefket nicht. Wie jeder gute Rapper hat er einen Widerspruch in sich: selbstbewusst und trotzdem bescheiden. „Es sollte sowieso nicht um mich gehen, sondern um meine Musik.“ sagt er zum Abschied. „Ich will Mucke machen, die sich Leute anhören. Hauptsache, ich kann die Miete zahlen.“

„Nachtmensch“ ist bei Vertigo Berlin/Universal erschienen. Konzert: 30.10., 20.30 Uhr, Columbia Theater

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