Porträt : Die Favelas von Berlin

Die Neuköllner Band DLC Südsound würzt Salsamusik mit Hip-Hop, Funk und Rockelementen. Am Sonnabend eröffnen sie das Wassermusik-Festival im Haus der Kulturen der Welt.

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Große Familie. Fünf von acht Mitgliedern der Latino-Rock-Rap-Fusion-Combo DLC Südsound: Alberto Sauri, Jean Luc Jossa, Aldo Vio mit seiner Tochter, Marco Fox und Bandgründer Simón Cabezas (von links nach rechts). Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Große Familie. Fünf von acht Mitgliedern der Latino-Rock-Rap-Fusion-Combo DLC Südsound: Alberto Sauri, Jean Luc Jossa, Aldo Vio...

Südsound. Salsa. Da gehen die Klischeeschubladen direkt auf: Karibische Rhythmen, Latino-Tänzerinnen, Palmen und Strand. Vor diesem Neuköllner Café aber, mit dem regennassen Kopfsteinpflaster vor Augen, erinnert gerade wenig an einen heißen Tanz. Hier sitzt Simón Cabezas. Er ist Gitarrist der Berliner Band DLC Südsound. Und er entspricht so gar nicht dem Stereotyp des Latinomusikers. „Ich höre gerne Suicidal Tendencies oder Primus“, sagt der 34-jährige, „ich mag eher rockige Sachen.“

DLC Südsound verstehen sich als „Berliner Salsa“-Band. Und doch machen sie Hip-Hop genauso wie Rock’n’Roll, Jazz genauso wie Latin. „Wenn Salsa das Fundament unserer Musik ist“, sagt Cabezas, „dann steht darauf aber noch ein Gebäude aus Funk und Soul und Rock.“ Die achtköpfige Band, die am Samstag das Wassermusik-Festival im Haus der Kulturen der Welt eröffnet, könnte internationaler kaum sein: Die Mitglieder kommen aus Kolumbien, Kuba, Luxemburg, Schweden, Italien und Deutschland. Die meisten leben nun in Neukölln.

Und kaum eine Band könnte das sogenannte Kreuzkölln, wie es heute ist, besser repräsentieren als DLC Südsound (das „DLC“ im Bandnamen steht übrigens für „después le cuento“ und bedeutet so viel wie „Ich erzähl’s dir später“). Den Berliner Asphalt hört man da genauso heraus wie die Favelas von Bogotá, die Straßen von Santa Clara in Kuba genauso wie die Inseln um Stockholm. Den Sound bestimmen lockere Konga-Rhythmen, Keyboard und Bläser, dazwischen wird gerne gescratcht, gerappt oder ein fieses, schmieriges Gitarrensolo aus den Fingern gezaubert.

Die gesamte kulturelle Vielfalt ihres Stadtteils bilden DLC Südsound ab – sie texten und singen dabei auf Spanisch und auf Deutsch. „Man hört bei unserem Deutsch ganz gut die verschiedenen Akzente“, sagt Cabezas, „ich finde das gut, weil Deutsch ohnehin eine Sprache mit so vielen Akzenten ist.“

Akzente wollte Cabezas auch damals setzen, als er nach Berlin kam, 2008 war das. Drei Jahre in Heidelberg lagen da hinter ihm, und er merkte, dass es mit der Musik nicht recht voranging. „Da habe ich alles auf eine Karte gesetzt und bin nach Berlin gegangen“, sagt er. „Eigentlich bin ich Rechtsanwalt, aber mir hat es nicht mehr gereicht, die Musik nur nebenbei zu machen.“

Berlin war der richtige Ort, um professionell zu werden. Der Gitarrist traf auf den Keyboarder und Komponisten Cesar Diaz, der wie er selbst aus Bogotá stammt. Sie begannen zu experimentieren. Beide wussten, was sie wollten: Bloß keinen traditionellen Salsa, sondern Offenheit für alle Einflüsse. „Natürlich kommt da die ganze Musik durch, die wir von klein auf gehört haben, ob Miles Davis oder Rubén Blades“, sagt Cabezas, „aber unserem Sound sollte man auch das Berlin des Hier und Jetzt anhören.“

So bauten Cabezas und Diaz eine Band um sich herum, die möglichst viele Einflüsse mitbrachte. Cabezas selbst begann, Raps über Latin-Stücke zu sprechen. Von Diaz kam der Jazz dazu. Eine Prise Kuba streuten der Sänger Felo Martinez und der Bassist Alberto Sauri ein. „Und dann haben wir zum Glück auch noch unsere drei Europäer“, sagt Cabezas, „die haben nochmal straightere Klänge hineingebracht.“ Mittlerweile gibt es DLC Südsound seit drei Jahren. Kürzlich haben sie eine EP veröffentlicht, ein Longplayer soll folgen. In Berlin sind sie gefragt in Clubs wie dem Quasimodo oder dem b-flat. Nun, so Cabezas, dürfte auch gern eine ausgedehnte Tour folgen.

DLC Südsound merkt man die Epochen der Musikgeschichte an, die sie geprägt haben. Etwa die lateinamerikanische Musik der 70er Jahre. Damals entstand Salsa aus Latin Jazz und Boogalo, der schon Rockmusikelemente einband. Heute sind es Bands wie DLC Südsound, die diese Tradition ins nächste Jahrtausend überführen. Verzerrte Gitarrenklänge in Van-Halen-Manier erwartet man beim Salsa kaum – bei der Berliner Band schimmern sie durch. Und das nächste Stück hat dann einen Motown- oder R&B-Einschlag.

Vom klassischen Salsa übernommen haben DLC Südsound den sozialpolitischen Anspruch. „Uns ist es wichtig, in unseren Texten die Situation der Ausländer hier in Deutschland zu thematisieren“, sagt Cabezas. So setzt er selbst sich in Texten mit Aufenthaltserlaubnis oder Duldungsstatus auseinander. Ein Song etwa kritisiert die 2008 beschlossene EU-Rückführungsrichtlinie als inhuman. „In diesem Fall ist das Asylrecht der EU für meine Begriffe viel zu hart“, sagt Cabezas.

Der Rechtsanwalt kennt sich mit derartigen Themen aus. „Einige Texte schreibe ich aus meinen Erfahrungen als Jurist heraus“, sagt er. Er könnte auch heute noch in Kolumbien sein, als gut verdienender, angesehener Rechtsanwalt. „Aber ich wollte den Wunsch verwirklichen, Profimusiker zu werden.“ Leben kann Cabezas derzeit noch nicht von der Musik, er muss nebenher arbeiten. Seine konservative, traditionelle lateinamerikanische Familie hätte ihn lieber wieder in Bogotá gesehen, möglichst mit eigener Kanzlei. Vielleicht sollte Cabezas die Familie mal zu einem Konzert von DLC Südsound einladen. Dann würden sie ihre Meinung vielleicht ändern.

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