Porträt : Ein Leben in Schwarz

Als DDR-Maler machte er Skandal. Jetzt hat Hans-Hendrik Grimmling ein Buch über sich geschrieben.

Michael Zajonz

Berlin Werden Klischees wahrer, stimmiger, authentischer, wenn man ihnen in der Realität begegnet? Natürlich empfängt uns der Maler Hans-Hendrik Grimmling, Jahrgang 1947, schwarz gekleidet und Zigarillo rauchend im Türrahmen seines Ateliers. Früher hieß so was: ein toller Hecht. Und natürlich bietet er, sächsisch gastfreundlich, zum viel zu schwarzen Kaffee schon mal den ersten Schnaps an. Noch können wir widerstehen.

Schwarz ist Grimmlings Lieblingsfarbe. Künstlerische Heimat und Seelentönung. Nicht im Sinne einer schwarzen Messe, der Verherrlichung des großen Nichts. Im Gegenteil: In seinen inzwischen beinahe abstrakten Bildern steht es für die höchste Form von Vitalität. Schwarz verkörpert für Grimmling positive Gebundenheit: Energie, Erdwärme, Erotik. Das intensiv leuchtende Schwarz seiner Bilder wurzelt in der Braunkohlelandschaft der sächsischen Heimat. In Zwenkau, südlich von Leipzig, fraß sich der Tagebau unerbittlich ins dunkle Erdreich. Verschlang ganze Dörfer. In der Weißen Elster, dem mit Leipzig verbindenden Fluss, trieben schwarz schäumende Industrieabwässer.

Erinnerungen, die sich bis heute auftürmen: in Bildern, Prosatexten und Gedichten. Falls Grimmling Melancholiker ist, dann ein beeindruckend produktiver. Das Hohelied des Schwarz singt er schon im ersten Kapitel seiner Lebenserinnerungen. Unter dem Titel „Die Umerziehung der Vögel“ (ein Bildthema aus DDR-Zeiten) sind sie gerade erschienen. Geschrieben hat Grimmling das Erinnerungsbuch mithilfe der ostdeutschen Publizistin und Journalistin Doris Liebermann.

Die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin, 1977 mit der „Jenaer Gruppe“ um den Schriftsteller Jürgen Fuchs ausgebürgert, hat den Überdruck, der da heraus wollte, professionell aufgezeichnet und geordnet. Im Buch finden sich zudem viele ältere Texte und Gedichte Grimmlings, die der schreibende Bildermacher nur aus der Schublade zu ziehen brauchte. Texte, die auf ihren Auftritt gewartet haben. Die vor langer Zeit, in der DDR, schon mal eine wissbegierige Kleinstöffentlichkeit erreicht haben.

Entstanden ist in so einem Werkstattgebrodel natürlich kein formvollendetes, allem gerecht werdendes Werk. Grimmlings Buch ist persönlich, sehr persönlich. Zu berichten weiß der in Leipzig und Dresden ausgebildete, 1986 nach West-Berlin ausgereiste Maler zum Glück viel mehr als nur die üblichen Künstler-Befindlichkeiten und Eitelkeiten. „Die Umerziehung der Vögel“ repräsentiert, trotz aller Egomanie des Autors, ein Stück deutsch-deutsche Zeitgeschichte. Irgendwann, möglichst bald, sollten sich Historiker bereit finden, aus den subjektiven Brocken ein genaueres Bild zu rekonstruieren. Ob dieses ferne Land, die DDR, dadurch allerdings begreiflicher würde?

Eine typische Nachkriegs-Ost-Biografie hat Grimmling ohnehin nicht zu bieten. Kein noch so bescheidenes ostdeutsches Wirtschaftswunder, kein Spießerglück. Aufgewachsen ist er im Kinderheim. Weil der Vater nicht nur Frau und Kinder sitzen ließ, sondern die Weisheit der Partei über alles stellte, obwohl er nach dem Arbeiteraufstand 1953 aus der SED geschmissen und kurzzeitig im berüchtigten Zuchthaus Waldheim inhaftiert worden war. Für Grimmling bis heute ein unbewältigtes Trauma. Vom Vater zurückgewiesen zu werden und ihn trotzdem nicht hassen zu können. Autorität und Anerkennung zu suchen und sich dennoch gegen alles „von oben“ aufzulehnen. Grimmling hat dieses Dilemma besonders intensiv ab 1970 während seiner Studienzeit an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst erlebt. Sein Professor Wolfgang Mattheuer – einer der ganz Großen der offiziellen DDR-Malerei – wird bis zu seinem Tod 2004 zur verqueren Vaterfigur.

Mattheuer gibt als engagierter Lehrer und lebenslanger Gesprächspartner sehr viel. Und bleibt – nicht nur aus Grimmlings Sicht – sich und anderen doch viele Antworten auf seine privilegierte Rolle im DDR-Kunstsystem schuldig. Grimmling hat Mattheuer das persönlichste Kapitel seines Buches gewidmet. „Wir haben uns auch nach 1989“, erinnert sich der Jüngere, „herrlich beschimpft, aber er hat mich dabei immer sehr ernst genommen.“ Grimmlings Aufbegehren gegen die Professoren – neben Mattheuer sind das Werner Tübke, Bernhard Heisig und der Dresdner Gerhard Kettner – hatte etwas DDR-Typisches: zugleich todesmutig und zaghaft, infantil und pathetisch.

Im Herbst 1984 organisierte Grimmling zusammen mit den Künstlerfreunden Lutz Dammbeck, Günther Huniat, Günter Firit, Olaf Wegewitz und Frieder Heinze den „1. Leipziger Herbstsalon“. Grimmling und Huniat gaben sich als Funktionäre des Verbandes Bildender Künstler der DDR aus (was sie damals tatsächlich auch waren) und mieteten halb legal eine ganze Etage im Leipziger Messehaus am Markt, um ohne Segen von oben eine selbstbestimmte Gruppenausstellung durchzuziehen.

Allen, die das von SED, Stasi und Künstlerverband bis aufs Blut befehdete Ausstellungshappening gesehen haben – der Autor dieses Textes hatte als ahnungsloser 18-jähriger Berufsschüler das Glück – war sofort klar: Der Herbstsalon wird Kunstgeschichte schreiben, und zwar: gesamtdeutsche. Unerwünschte Kunstausstellungen hat es in der DDR immer wieder gegeben. Doch nie zuvor oder danach so groß, so selbstbewusst, so öffentlichkeitswirksam.

Wenige Wochen nach Ausstellungsende stellt Grimmling den Ausreiseantrag. Anfang 1986 darf er mit Frau und Tochter nach West-Berlin ausreisen. Dammbeck geht nach Hamburg, Firit nach München. Allzu eng ist der Kontakt zu ihnen heute nicht mehr, obwohl Grimmling auch im Westen die Nähe von Ost-Künstlern mit ähnlichem Schicksal sucht: etwa Peter Herrmann oder Hans Scheib. „Unser Gruppengefühl beim Herbstsalon“, erinnert sich Grimmling heute, „war zwar sehr stark. Aber wir strebten schon damals auseinander. Wir waren gegen etwas. Gemeinsame Kunstauffassungen hielten uns nicht zusammen.“

Angekommen in West-Berlin (sein neues Atelier liegt, nach Jahren in Kreuzberg, im tiefsten Wedding), hat sich Grimmling eine neue Kunst erarbeitet, ohne das Alte zu verleugnen. Aus metaphorisch beladenen Figurenbildern mit Titeln wie „Schuld der Mitte“ ist eine befreite, auch von Figuren freie Malerei entstanden. Und doch träumt er davon, irgendwann wieder figurativ zu malen. „Erst in der Freiheit“, so Grimmling, „habe ich bemerkt, dass ich ein ängstlicher Mensch bin.“ Sein Buch ist eine Mutprobe.

Hans-Hendrik Grimmling: Die Umerziehung der Vögel, Mitteldeutscher Verlag, 287 Seiten, 24,90 Euro. Lesung mit dem Autor am Mittwoch in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde (Marienfelder Allee 66–80), 19 Uhr.

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