Kultur : Porträt Ellen Fullman: Die Langstreckenfrau

Volker Straebel

Das Atelier von Ellen Fullman findet man auf einem Charlottenburger Hinterhof - immer den Tönen nach. Es sind lang ausgehaltene, metallisch schwebende Klänge von körperlicher Präsenz, die ins Treppenhaus dringen, statische Akkorde ohne rechtes Ziel. Ungewöhnlich für eine Komponistin ist allerdings, dass sie aus einem Atelier dringen, nicht aus einem Tonstudio. Die Musikabteilung des Berliner Künstlerprogramms des DAAD hat mit Ellen Fullman erneut eine Künstlerin eingeladen, die nicht still ihre Streichquartette schreibt. Fullmans Werk besteht aus ihrem "Long String Instrument", einer Installation meterlanger Metallsaiten, deren musikalisches Potential die Amerikanerin seit 15 Jahren erforscht.

Mit 13 Metern ist ihr das Atelier eigentlich nicht lang genug, sie bräuchte 16 Meter, um die Bass-Oktave einrichten zu können. Die metallisch schimmernden Drähte hat Fullman in parallelen Bündeln knapp hüfthoch von Wand zu Wand gespannt, auf der einen Seite sind sie an einem flachen Resonanzkasten fixiert. Zum Spielen stellt sich die Künstlerin zwischen die Drähte und streicht mit den Fingern sacht in Längsrichtung darüber. Gestimmt wird das Instrument mit Metallklemmen, die den frei schwingenden Bereich der Saiten begrenzen.

Für Ellen Fullman sind diese physikalischen Aspekte allerdings von eher handwerklichem Interesse. Zwar steht sie in der Tradition der Experimente mit neuen Stimmungssystemen, doch bedient Fullman selbst der reinen Stimmung, die die Intervalle in einfachen Schwingungsverhältnissen belässt. Das Geheimnis ihrer Musik liegt im differenzierten Umgang mit den Obertonschwingungen, deren Lautstärkenverhältnis abhängt von der Stelle, an der die Saiten mit den Fingern angerieben werden.

Fullman studierte in Kansas City Bildhauerei und kam 1985 über Arbeiten mit Klangskulpturen im Bereich der Performance-Art eher zufällig zum "Long String Instrument". Zuvor hatte aie mit ihrem akustisch präparierten Metall-Rock als "Streetwalker" auf einem Straßen-Strich in Minneapolis Aufmerksamkeit erregt. Fern von aller Musiktheorie erforschte sie dann die Eigenschaften und Möglichkeiten der sogenannten Longitudinalschwingungen. Ihre Ästhetik sei "kind of messy" gibt sie unumwunden zu, frei vom europäischen Streben nach Einheit von Form und Material.

Stattdessen teilt sich dem Hörer Fullmans Haltung des Suchens und Forschens unmittelbar mit. Langsam die weit entfernten Schwingungsknoten der Bronze-Saiten abschreitend, wirkt sie versunken in die gespenstisch mächtigen Klangwände. Über Minuten beibehaltene Akkorde erscheinen im stets wechselnden Licht unterschiedlicher Obertonverhältnisse und man versteht sofort, dass für Ellen Fullman der Schritt von der Skulptur als Musik zur Musik als Skulptur keinen Bruch ihres künstlerischen Umgangs mit dem Raum bedeutet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben