Porträt : Frühreif und verschwenderisch

Birgit Minichmayr kennt Berlins Bühnen und Hollywoods Herren. Das Porträt einer Ausnahmeschauspielerin.

Christine Wahl
Minichmayr
Birgit Minichmayr -Foto: ddp

Birgit Minichmayr, erzählt man sich in Branchenkreisen, bekam letztes Jahr exklusiven Besuch. In einer Voraufführung von Luc Bondys Wiener Shakespeare- Inszenierung „König Lear“, in der Minichmayr mit Strubbelperücke einen chaplinesken Narren spielt, saß die Hollywoodschauspielerin Cate Blanchett. Kaum war der Vorhang gefallen, stürzte diese hinter die Bühne, um die mittlerweile wieder zivil frisierte Minichmayr zu fragen: „Where ist the fool? I have to see the fool! He was so unbelievable!“ Es war dann Bondy, der auf Minichmayr zeigen und „There she is“ sagen musste.

Birgit Minichmayr, sonst nicht schüchtern, konnte nur zurückstammeln, wie sehr sie ihrerseits Frau Blanchett verehre. „Diese großartige Schauspielerin! Diese wunderschöne Frau! Es war sooo unangenehm!“, bestätigt Minichmayr den Vorfall nicht ohne Stolz (und nur auf hartnäckige Nachfrage). Mit Erfolgen hausieren zu gehen, ist ihre Sache nicht.

Dabei gäbe es jede Menge Möglichkeiten. Schließlich stand Minichmayr schon mit Kollegen wie Harvey Keitel vor der Kamera, als ihre Kommilitonen am renommierten Wiener Max-Reinhardt-Seminar noch verträumt in den Startlöchern hockten. Sie war gerade 23, als István Szabó sie neben Keitel in seinem Film „Taking Sides – Der Fall Furtwängler“ besetzte.

Hellwach und mit infizierendem Energieüberschuss schmettert die Schauspielerin diese Geschichten beim Wilmersdorfer Italiener über den Bartresen. Dabei ist sie erst gestern Abend dem Flieger aus Wien entstiegen, hebt morgen früh wieder zum Gastspiel nach Sarajevo ab und hat zwischendurch zehn Stunden mit Dimiter Gotscheff für Dejan Dukovskis „Pulverfass“ geprobt.

Die Tragigroteske des mazedonischen Autors, die Gotscheff in anderer Besetzung schon beim steirischen Herbst 2000 inszenierte, eröffnet am Donnerstag in Kooperation mit dem Deutschen Theater die „Spielzeit Europa“ im Haus der Berliner Festspiele. Natürlich sei Dukovskis Balkanreigen um einander beklauende und prügelnde Zeitgenossen ein astreines Männerstück. Die Feminismustrophäe werde sie mit ihren drei Frauenrollen – „angerissenen Figuren, die eher dazu dienen, die Brutalität dieser Macho-Jungswelt noch einmal in anderer Farbe zu zeigen“ – jedenfalls nicht gewinnen, lacht Minichmayr. Aber platte Kategorien haben die Schauspielerin erstens noch nie interessiert und wären zweitens tatsächlich eine sträflich unterkomplexe Beschreibung dessen, was die Gotscheffs und Birgit Minichmayr auf der Bühne treiben.

Ihr Auftritt als unglücklich verliebte Sasha in Gotscheffs grandioser „Iwanow“-Inszenierung an der Volksbühne dürfte Freunde der Schublade jedenfalls in Definitionskrisen stürzen: Handelt es sich bei dieser Frau, die sich mit der Durchschlagskraft einer Panzerdivision auf das Objekt ihrer Begierde stürzt, um einen prä-, ultra- oder postfeministischen Fall? Eine irrelevantere Frage könnte man kaum stellen. Fest steht: Jeder, der diesen Auftritt gesehen hat, weiß genau, was die Laudatorin Monica Bleibtreu meinte, als sie anlässlich der Verleihung des Ulrich-Wildgruber-Preises an Minichmayr vor fünf Jahren deren Art zu spielen in die lakonische Formulierung goss: „Birgit verschwendet sich.“ Und das hat, um Missverständnissen vorzubeugen, nichts mit pathologischer Gefährdung zu tun, sondern mit umwerfender energetischer Überfülle.

Dass sich die Arbeitsbiografie der vor 31 Jahren im oberösterreichischen Pasching geborenen Schauspielerin schon jetzt liest wie das „Who is who“ der internationalen Film- und deutschsprachigen Erstliga-Theaterbranche, das hat sich Birgit Minichmayr – als knapp über 20-jährige Berufsanfängerin – mit einer Auftrittsserie verdient, die die meisten nicht nach zwanzig Berufsjahren vorweisen können. Besagte Performance spielte sich ausnahmsweise jenseits der Bühne ab; nämlich im Direktionszimmer des Wiener Burgtheaters. Dort tauchte Birgit Minichmayr – frisch von der Schauspielschule engagiert – in zweiwöchiger Regelmäßigkeit auf, um die Theaterleitung zu informieren: „Ich würde gern diese Rolle spielen, die, die, die und jene auch!“ Sie lacht. „Ich dachte einfach: Die müssen doch wissen, was mich interessiert, damit sie eine Ahnung haben, was sie mit mir anfangen sollen!“

Bis heute fordert Birgit Minichmayr prägende Begegnungen lieber selbst heraus, als ergeben zu lauern, bis sie ihr widerfahren. Sei es mit René Pollesch, Martin Kusej oder dem verstorbenen Klaus Michael Grüber, unter dessen Regie sie vor fünf Jahren die Antigone im „Ödipus“ spielte: „Ich habe mich richtig verknallt, musste Grüber immer anschauen – ein Mann mit einer unglaublichen Aura!“ Vom immer noch laufenden Volksbühnen-„Iwanow“ abgesehen hat man lange darauf warten müssen, Minichmayr wieder auf einer Berliner Bühne zu sehen, seit sie sich nach einem zweijährigen Intermezzo an der Volksbühne wieder gen Wien verabschiedet hat. Nach Klaus Maria Brandauers „Dreigroschenoper“-Flop vor zwei Jahren im Admiralspalast, über den auch Minichmayr als Polly nicht hinwegretten konnte, ist „Das Pulverfass“ die erste hauptstädtische Neuinszenierung mit der Ausnahmeschauspielerin. Dafür schlägt die „Spielzeit Europa“ jetzt gleich doppelt zu und präsentiert Minichmayr – in einem Gastspiel des von Cate Blanchett geadelten „Lear“ – nach der Eröffnungs- auch in der Saison-Abschlussinszenierung Ende Januar 2009.

Dass ihre Zukunft ziemlich offen ist, wenn sich zur nächsten Saison das Intendantenkarussell dreht, scheint die Schauspielerin wenig zu schrecken. „Ich suche gerade überhaupt keine Konkretheit in meiner Zukunft“, denkt sie laut nach. Wir fügen hiermit eigennützig an: Wäre aber schon schön, wenn Berlin nicht aus der Sichtachse geriete!

Dimiter Gotscheffs „Das Pulverfass“ mit Birgit Minichmayr eröffnet am 23. 10. um 20 Uhr die „Spielzeit Europa“ im Haus der Berliner Festspiele, Schaperstraße 24.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben