Porträt : Hollywoods beste Verführerin

Sie war die Mutter von Winston Churchill in dem Film "Young Winston". Als Israels Ministerpräsidentin Golda Meir erntete sie in "Golda" am Broadway Jubel.

New York (08.06.2005, 12:54 Uhr) - Ihren Oscar bekam Anne Bancroft, die am Montag mit 73 Jahren in ihrer Heimatstadt New York starb, für die Darstellung der Lehrerin einer blinden und taubstummen Frau. Doch vor allem wird die italo-amerikanische Schauspielerin als Sex-Sirene des blutjungen Dustin Hoffman in Erinnerung bleiben.

«Mrs. Robinson, Sie versuchen doch jetzt, mich zu verführen ... nicht wahr?», fragte Hoffmann als schüchternes Bürgersöhnchen die Freundin seiner Eltern in «Die Reifeprüfung» («The Graduate»). Das war 1967. Die ebenso bange wie freudig erregte Jünglings-Frage wurde in Windeseile zum beliebten Party-Zitat. Und «Mrs. Robinson» wurde zum Synonym für süßen, verruchten, verbotenen und deshalb ungemein begehrenswerten Sex.

Hoffman konnte sich nach der Bewährungsprobe vor Rollenangeboten kaum retten. Bancroft hat ihm das gegönnt, meist mit einem verschmitzten Schmunzeln. Aber sie war auch ungehalten, wenn Reporter wieder und wieder auf der Verführungsgeschichte herumritten. «Es wundert mich schon, dass kaum jemand darüber hinaus blicken mag», sagte sie vor zwei Jahren. «Einiges in meinem Gesamtwerk ist doch wirklich sehr gut. Aber alle reden nur von Mrs. Robinson.»

Immer wieder versuchten Hollywood-Produzenten, Bancroft auf den Typ «dunkelhaarige Unschuld» festzulegen. Quasi als Gegenstück zum Blondchenmodell Marilyn Monroe, neben der sie 1952 in dem Streifen «Versuchung auf 809» ihr Filmdebüt gab. Sie ließ sich das nicht gefallen und ging oft ans Theater zurück, dessen Möglichkeit zum unmittelbaren Publikumskontakt sie schätzte.

Ihren wirklichen Namen fanden die Studiobosse «zu exotisch». Als Anna Maria Louise Italiano wurde sie 1931 in der Bronx geboren. Ihr Vater war Modellschneider, die Mutter arbeitete als Telefonistin. Als die Produktionsfirma Twentieth Century Fox sie 1952 unter Vertrag nahm, aber eine Namensänderung verlangte, wählte sie aus einer Liste «Bancroft» aus.

«Mir war das ziemlich egal», sagte sie später. «Ich wollte einfach seit meinem neunten Lebensjahr nichts anderes als Schauspielerin werden.» Bevor Bancroft 1962 mit «Licht im Dunkel» den Oscar für die beste Hauptdarstellerin bekam, hatte sie in der selben Rolle am Broadway Erfolge gefeiert.

Zweifellos gehört die Gestalt der Lehrerin Annie Sullivan zu den beeindruckendsten der amerikanischen Theater- und Filmgeschichte. Sie schafft es, in einer Kleinstadt im US-Staat Alabama einer jungen Frau, die mit 19 Monaten taubstumm und blind wurde, das Sprechen beizubringen. Kritiker deuteten den Film als Metapher auf die Unfähigkeit mancher Eltern, ihre eigenen Kinder zu akzeptieren.

In ihrer Heimatstadt gehörte Bancroft an der Seite ihres Mannes, des Dramatikers, Komödianten und Produzenten Mel Brooks, zu den bekanntesten und am meisten bewunderten Künstlern. Dazu trug wohl auch bei, dass sie stets darauf bedacht war, einen gewissen Abstand zum allzu plump-kommerziellen Hollywood zu wahren, das in New York stets belächelt wird. (Von Thomas Burmeister, dpa)

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