Porträt : Honig lockt den Bären

Semih Kaplanoglu ist der Gewinner des Goldenen Bären. Der sanfte, zurückhaltende Mann versteht es, Zeichen zu lesen. Kaplanoglus Arbeiten sind voller Zeichen.

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Kaplanoglu Foto: Berlinale
Semih Kaplanoglu -Foto: Berlinale

Der Bär, dem das Team des diesjährigen Berlinale-Gewinners „Bal“ (Honig) beim Dreh in den wilden, saftig grünen Mischwäldern am Drehort im Nordosten der Türkei begegnete, war ein Vorbote. „Ich glaube, jetzt ist er hier angekommen“, sagt Regisseur Semih Kaplanoglu bei der Verleihung des Goldenen Bären. Der sanfte, zurückhaltende Mann versteht es, Zeichen zu lesen. Kaplanoglus Arbeiten sind voller Zeichen.

„Bal“ ist sein fünfter Spielfilm und der dritte Teil einer Trilogie, der wie seine Vorläufer „Yumurta“(Ei) und „Süt“ (Milch) vom Leben des Dichters Yusuf handelt. Wenn der achtjährige Hauptdarsteller Bora Altas mit großen Augen durch die Wälder streift, hat er etwas von dem Regisseur, der sich seinen Kinderblick auf eine Welt voller Überraschungen bewahrt hat.

Der 1963 in Izmir in der westlichen Türkei geborene Kaplanoglu hat selbst keine Kinder, vielleicht konnte er gerade deshalb eine intensive Beziehung zu seinem Protagonisten aufbauen. Bora Altas ist die ideale Besetzung für den stotternden Jungen, der sich nichts sehnlicher wünscht, als für gutes Lesen vom Lehrer eine Belohnungsnadel angesteckt zu bekommen und der von seinem Vater in die Welt der Bienenzüchter eingeführt wird . Dass Bora selbst dort aufgewachsen ist, wo „Bal“spielt, ist seinem unbefangenen Verhältnis zur gewaltigen Naturkulisse des Films anzumerken.

In seinen Filmen versucht Kaplanoglu mit obsessiver Genauigkeit, die Beziehungen zwischen Menschen und ihrer Umgebung auszuloten. Er verzichtet auf Filmmusik, um den Naturlauten, den Geräuschen des Waldes Raum zu geben, die unterhalb der Wahrnehmungsschwelle liegen und im städtischen Leben nicht vorkommen – dem Summen der Bienen, dem Knacken von Ästen, dem Klingeln des Glöckchens, das der Junge trägt. Zum Dank für seinen Goldbären hat Kaplanoglu es nun dem Jury-Präsidenten Werner Herzog vermacht.

Gedreht wurde in Camlihemsin, einer regenreichen, fruchtbaren Gegend. Dort wird Tee angebaut, dort gibt es den würzigen Honig, der nur in der SchwarzmeerRegion verkauft wird. Das ökologische Gleichgewicht ist gefährdet, berichtet Kaplanoglu bei der Preisverleihung; Wasserkraftwerke sollen dort gebaut werden. Der Bär für „Bal“, wünscht sich Kaplanoglu, möge dazu beitragen, dass diese Pläne so schnell nicht realisiert werden.

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