Porträt Jo Lendle : Morgens Literatur, abends Zahlen

Tradition bedeutet auch Bewegung: Vom kommenden Jahr an wird der Schriftsteller und einstige DuMont-Verleger Jo Lendle Nachfolger von Michael Krüger und den Hanser Verlag leiten. Ein Porträt.

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Hanser-Verleger Jo Lendle.
Hanser-Verleger Jo Lendle.Foto: Imago

Es braucht ein wenig Überredungskunst, um den zukünftigen Hanser-Verleger Jo Lendle zu einem längeren Gespräch zu bewegen. Er wolle Michael Krüger schließlich nicht „schon von der Seite reinflüstern“, antwortet Lendle auf eine erste Anfrage. Seine Tätigkeit bei dem neben Suhrkamp vielleicht bedeutendsten, zahlreiche Literaturnobelpreis- und Büchner-Preisträger verlegenden Literaturhaus beginne ja erst Anfang 2014, noch sei er beim DuMont-Verlag tätig.

Tatsächlich ist die Zeit des Übergangs eine ungewöhnlich lange. Diese Personalie wurde kurz vor Weihnachten des vergangenen Jahres erstaunlich früh bekannt gegeben. Doch ist dieses eine Jahr wiederum nichts im Vergleich zu der langen Zeit, die Verlegerlegende Michael Krüger einen Nachfolger gesucht hat. Vor sieben Jahren erzählte Krüger dem Tagesspiegel, dass er schon einmal versucht hätte, jemanden Jüngeres einzuarbeiten, höchst erfolglos. Ganz fest aber stand für ihn: „Es sollte jemand sein, der eine neue Generation in den Verlag mitbringt.“

Mit Jo Lendle, der 1968 in Osnabrück geboren wurde und in Göttingen aufwuchs, haben Krüger und der in München residierende Hanser-Verlag diese neue Generation jetzt gefunden. Tatsächlich wirkt Lendle, wie er einem während der Leipziger Buchmesse im Café seines Hotels gegenübersitzt, nicht wie ein Mittvierziger, wie der Vater von zwei Kindern im Teenager-Alter: Er strahlt viel Jugendlichkeit aus. Lendle hat sich schließlich überzeugen lassen, dass es in einem Gespräch mehr um seine bisherige Arbeit als um die konkreten Pläne für den Hanser-Verlag unter seine Ägide gehen soll. Im Februar verabschiedete er sich bei DuMont in Köln, und mag er nun erstmals auf einer Buchmesse einfach herumstreunern können, ohne Terminstress, „als Privatier“, bemerkt er, so ist er doch fleißig dabei, Manuskripte von Hanser-Autoren zu lesen und sich mit diesen zu treffen.

„Dabei ist es nicht schwer, Pläne für Hanser zu machen“, sagt er. „Natürlich kommt da jemand hin, der an den Büchern dieses Verlags Freude hat, der den Verlag jetzt nicht neu einfärben, gar umstrukturieren soll. Da geht es eher um Nuancen des Verlegens.“ So überraschend die Meldung war, dass er Krüger nachfolgen solle, so nahe lag diese Entscheidung letztendlich, denn so viele aus seiner Generation gibt es in vergleichbaren Positionen nicht. Er ist von Krüger vorgeschlagen worden – und auch der Hanser-Aufsichtsrat hatte ihn sich ganz unabhängig von Krüger als Nachfolgekandidaten ausgeguckt. Lendle kennt das Chefsein schon längere Zeit: Drei Jahre leitete er als verlegerischer Geschäftsführer den DuMont-Buchverlag, bei dem er 1997 als Lektor angefangen hatte.

Damals wurde bei dem Kunst- und Reisebuchverlag unter dem Verleger Gottfried Honnefelder erstmals ein Literaturprogramm aufgelegt. Als im Jahr 2006 Marcel Hartges auf den heutigen Börsenvereinsvorsteher Honnefelder folgte, stieg Lendle zum Programmleiter für deutschsprachige Literatur auf. „Da schaut man dann schon anders hin, wie Bücher eingekauft, gemacht und vermarktet werden“, so Lendle. Entscheidend aber war für ihn die kurze Zeit, in der nach dem Weggang von Hartges Lutz-W. Wolff den DuMont-Verlag leitete, „da habe ich mich oft gefragt, wie ich entscheiden würde, und mir endlich auch selbst zugetraut, einen Verlag leiten zu können.“ Er fügt an: „Ich hatte ursprünglich jedoch, das können Sie mir glauben, nie den Vorsatz, selbst Verleger zu werden“. Dann lacht er verschmitzt und gesteht:„Es fühlt sich trotzdem gut an.“

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