Porträt : Mein Freund Harvey

Dieser Mann ist preisverdächtig: Der 34-jährige Dustin Lance Black hat das Drehbuch zum Film „Milk“ verfasst, in dem es um das Leben des schwulen Stadtrats Harvey Milk geht. Der Streifen ist für acht Oscars nominiert.

Matthias Oloew
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Zum Kichern. Regisseur Gus Van Sant (l.) und sein „Milk“-Drehbuch-Autor

Ein offen schwuler Bürgermeister in Jeans und modischem Hemd – die Begegnung mit Klaus Wowereit vor der Premiere des Films „Milk“ hat ihn so beeindruckt, dass er seine Verblüffung übers Mikrofon im Zoo-Palast kundtat. „Ich war überrascht, einen Politiker in so modischen Hosen zu sehen“, sagt Dustin Lance Black am Tag danach, „Harvey Milk hat so etwas nie getragen.“

Harvey Milk, das ist der Lokalpolitiker aus San Francisco, dessen Geschichte der 34-jährige Black in seinem Drehbuch skizzierte. Gus Van Sant führte Regie, Sean Penn spielte die Titelrolle, der Film ist für acht Oscars nominiert. Auch Black kann sich Chancen auf die Auszeichnung machen. Für ihn ist schon die Nominierung eine Ehre, denn mit seinem Drehbuch ehrte er einen Mann, von dem er sagt: „Harvey rettete mein Leben.“

Dabei sind sich die beiden nie begegnet. Milk wurde erschossen, da war Black ein Kind. Aber als er entdeckte, dass er schwul sein könnte, war es die Geschichte von Harvey Milk, die ihn dazu brachte, nicht mit seinem Leben abzuschließen, sondern ein neues zu beginnen. „Ich wurde in einem strenggläubigen Mormonen-Haushalt erzogen“, sagt Black, „die Kirche hat uns vorgeschrieben, welche Fernsehsender wir sehen dürfen.“ Infolgedessen dachte Black am Ende der 80er Jahre wirklich, offen gelebte Homosexualität gebe es nicht.

Heute ist das anders. „Jetzt muss aus Toleranz endlich Akzeptanz werden“, sagt Black. So kämpfte er jüngst für die Beibehaltung der Homoehe in Kalifornien. Mit ihm engagierte sich auch seine Mutter, die ihn einst wegen seiner Homosexualität ablehnte. „Jetzt ist sie stolz und wird mich bei der Oscar-Gala begleiten.“

Wie sehr Milk in den Köpfen der Menschen von San Francisco auch fast 30 Jahre nach seiner Ermordung lebendig ist, erfuhren Gus Van Sant und Lance Black beim Dreh. Für die Szenen des Trauermarschs standen Abend für Abend „3000 bis 4000 Leute in 70er- Jahre-Klamotten da und machten mit, obwohl wir sie nicht bezahlen konnten.“ Die Geschichte von Harvey Milk ist bis in die Details hochaktuell. „Beim Transkribieren seiner Reden fürs Drehbuch hörte ich fast zeitgleich Reden von Barack Obama – sie glichen sich teilweise bis aufs Wort“, sagt Black: „Milk meinte, was er sagte, und die Frage für uns in Amerika ist, ob Obama das auch tun wird.“

Bis zur Party für den schwul-lesbischen Filmpreis Teddy, den Gus Van Sant auch schon sein eigen nennt, wird Lance Black nicht bleiben. „Schade, ich hätte gern mehr von dieser Stadt kennengelernt“, sagt er, und nimmt nun – nicht nur wegen seiner kurzen Begegnung mit dem top-modischen Wowereit – diesen Eindruck von Berlin mit nach Hause: „Was für ein Glück muss es doch sein, als junger Homosexueller hier aufzuwachsen.“ Matthias Oloew

Teddy-Gala, heute 21 Uhr, Party ab 24 Uhr im Haus der Kulturen der Welt

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