Porträt Natascha Wodin : Ein Austausch in Liebe

DOROTHEA VON TÖRNE

Natascha Wodin, SchriftstellerinVON DOROTHEA VON TÖRNEMitunter wartet sie wochenlang auf einen Satz - und er bleibt aus.Dann sitzt sie im "Sprachverlies".An manchen Tagen ist sie mit dem Halten der Balance zwischen Innen- und Außenwelt beschäftigt.Aus dem Wunsch, die Facetten des Ich zusammenzuhalten, entstehen lauter verschiedene Figuren.Aus der Isolation heraus beginnt sie zu schreiben, eruptiv und existentiell: "Ich würde platzen, wenn ich dem, was ich gehört und gesehen habe, nicht Ausdruck geben könnte." Was die diesjährige Adelbert-von-Chamisso-Preisträgerin über ihr Schreiben sagt, klingt paradox.Vier Romane, ein Gedichtbuch und einen Band Briefe hat sie veröffentlicht und behauptet dennoch, daß Schriftstellerei für sie letztendlich nur einen Sinn als Bewegung auf Stille hin habe: "Die Ankunft wäre für mich nicht im Wort, sondern in einer Stille, von der ich nicht weiß, wie es mit ihr praktisch in meinem Leben aussähe.Im weitesten Sinne des Wortes wäre es Liebe, ein Austausch mit meiner Außenwelt in Liebe." So spricht ein Mensch, der sehr verletzlich ist und verletzt worden ist.Natascha Wodin ist sensibler als die grobschlächtige Karikatur, die in der Zeitschrift "Gegenwart" in Umlauf war - und sie ist keineswegs der "Seelenbohrer", den manche Kritiker in ihr sehen.Kein Wunder: wer Horrorszenarien von Familienidyllen und bundesdeutschen Kleinbürgerexistenzen entwirft, der sticht in ein Wespennest und wird mit Verrissen bestraft.Man popelt im Stil, um sich nicht mit den Inhalten beschäftigen zu müssen: mit den Außenseiterexistenzen, die die eigene Lebensform in Frage stellen könnten.Dabei stellt die Autorin die Fragen zwar nachdrücklich, aber verhalten, eher scheu als aggressiv.Nach dem erfolgreichen Romandebüt "Die gläserne Stadt" (1983) hatte sie sich sogar ganz aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.Lesungen macht sie erst seit dem vergangenen Jahr.Den Umgang mit dem Konflikt zwischen dem natürlichen Wunsch nach Anerkennung und der Angst, sich preiszugeben, hat sie nicht in Edenkoben und Nürnberg gelernt, auch nicht in Moskau, wo sie als Dolmetscherin arbeitete, sondern erst jetzt, in Berlin.Geboren 1945 in einem Barackenlager im bayrischen Fürth als Tochter von Flüchtlingen - einer Halbitalienerin aus der Ukraine und eines Russen -, blieb Natascha Wodin lange eine Fremde in Deutschland. Ihre Bücher sprechen vom vermeintlichen Stigma der Herkunft, von quälenden Selbstzweifeln und verzweifelten Anpassungsversuchen.Erst mit 30, als die ungewollte Fremdheit zu einer schweren persönlichen Krise wurde, habe sie angefangen zu schreiben.Nein, "Selbstfindung" oder "Identitätssuche" sei das nicht.Sie könne sich ein schöneres Leben vorstellen als zu schreiben, es sei mühselig, anstrengend und sehr einsam.Die Musik wäre eine gute Alternative gewesen, aber das habe sie nun verpaßt.Die Hauptfiguren ihrer Bücher tragen allesamt autobiographische Züge, sind in ihrer Umgebung fremd: als Ausländer, Homosexuelle, Aisdsinfizierte oder psychisch Kranke.Viele Leser fanden sich in diesen Figuren wieder, schrieben ihr emotionale Briefe."Man muß ja nicht Ausländer sein, um als Fremder zu gelten." "Erfindungen einer Liebe" (1993) und auch der jüngste Roman "Die Ehe" haben die Leser stark polarisiert.Schreiben als Überwindung eines Stigmas - das spielte damals noch eine große Rolle für sie, inzwischen aber nicht mehr.Seit vier Jahren wohnt sie am Prenzlauer Berg, aus "Liebe zum Verschwindenden".Der Stadtbezirk Prenzlauer Berg stehe in ihren Augen für den Untergang des Ostens als Lebensform.Sich für Geld funktionalisieren zu lassen, sei einfach menschenunwürdig.Der Mensch, vor allem seine Moralität, würde ausgelöscht.Das entsetzt sie.Sie arbeitet an einem fiktiven Tagebuch darüber mit dem Arbeitstitel "Abschied von einem unbekannten Ort" - eine Ost-West-Geschichte, für die sie noch keinen Verleger hat.Warum jedes ihrer Bücher in einem anderen Verlag erschienen sei? Das liege nicht an ihr, sondern an den Lektoren: "Meine Lektoren wechseln ständig - und ich gehe mit - wegen der menschlichen Beziehungen, die während der Arbeit entstanden sind." Gerne wäre sie aber bei einem einzigen Verlag beheimatet.Während ihrer Odyssee von Rowohlt über Nishen, Claassen, Luchterhand, Reclam und Kiepenheuer hat sie Sinn für Tragikomik, Satire und Lakonie entwickelt - und fürs Jonglieren mit Klischees.Im Detail ist der Zeitgeist erkennbar.(Ja, die Schlager der sechziger Jahre!) Dennoch ist sie unzufrieden mit sich, mit der "Haßliebe zwischen Verstand und Gefühl", zwischen dem Deutschen und dem Russischen, das als Konflikt in ihr tobt."Gefühl macht ohnmächtig." Nicht immer gelingt es ihr, die Distanz zu den eigenen literarischen Figuren zu wahren.Da gibt sie den Ich-Gestalten lieber keine Namen: "Wenn ich für eine Figur einen Namen habe, ist sie schon halb festgenagelt.Der Name aber ist ein ganzer Kosmos."

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