Porträt Phillip Sollmann aka DJ Efdemin : Zisch, Boom, Bass

Der Berliner Musiker Phillip Sollmann ist als DJ Efdemin bekannt. Für das Konzertprojekt „Monophonie“ erforscht er nun rein mechanisch produzierte Klänge.

Giacomo Maihofer
Schläft ein Ton in allen Dingen. Phillip Sollmann in seinem Weddinger Studio.
Schläft ein Ton in allen Dingen. Phillip Sollmann in seinem Weddinger Studio.Foto: Thilo Rückeis

Es zischt, und zwar gewaltig. Wilde Windströme formen sich zu hohen, peitschenden Tönen. Phillip Sollmann sitzt in seinem Weddinger Musikstudio zwischen allerhand elektronischen Musikgeräten. Vor ihm eine aus Metall gefertigten Sirene. Sie produziert den Sound. „Hört sich doch an wie ein Synthesizer“, ruft der Berliner DJ und Produzent euphorisch, während seine Hände in konzentrierten Bewegungen von oben nach unten wandern, zu verschiedenen Hebeln. „Oder na ja“, er lacht, „vielleicht auch wie ein vorbeifahrendes Feuerwehrauto.“

Mehr als 150 Jahre alt ist das Gerät, auf dem Sollmann spielt, was man hin und wieder auch riecht, wenn die Luft ausströmt. Das antike Stück wurde eigentlich vom Berliner Physikgenie Hermann von Helmholtz als Messinstrument gebaut, erklärt es Sollmann. Der 42-Jährige will es stattdessen als Musikinstrument nutzen.

Keine Effekte, keine Filter, kein Schnickschnack – nur mechanisch produzierter Klang. Das war die Idee für sein Konzertprojekt „Monophonie“, für das er sich nicht nur auf die Suche nach der helmholtzschen Doppelsirene gemacht hat, sondern auch den visionären Instrumenten zweier verstorbener Amerikaner: den ephemeren Klangskulpturen des Designers Harry Bertoia (1915–1978) und den bizarren und fantastischen Instrumenten des Komponisten und Vordenkers der mikrotonalen Musik Harry Partch (1901–1974). Sollmann nennt die Aufführung, die er nächste Woche gemeinsam mit dem Kölner Ensemble Musikfabrik auf die Volksbühne bringen wird, auch liebevoll sein „Anti-Projekt“.

Bekannt geworden ist der gebürtige Kasseler für seinen ganz anderen Sound: Unter dem Namen Efdemin macht er satten, anfangs noch housigen, später immer düsteren, psychedelischen Techno. Sein erstes 2007 auf dem gemeinsam mit Freunden geführten Label Dial veröffentlichtes Album „Efdemin“ macht ihn schlagartig zum Star in der Szene. Musikmagazine sind begeistert. Nummern wie "Just a Track", in dem er Roland Clarks Hymne "President House" sampelt, werden zu Clubhits. Auch das drei Jahre später folgende „Chicago“ pendelt noch zwischen Techno und House. Tracks wie „There Will Be Singing“ sind eine Hommage an die einstige Dance-Metropole. „Decay“, sein letztes 2014 veröffentlichtes Album, bricht vollends mit diesen Anleihen. Liedstrukturen sucht man vergebens. Technoide, durch Phaser und Delay geschleifte Glocken, bassige Beats aus der 808-Drummachine, schwebende Akkorde: Es ist ein reduziertes, architektonisch strenges Album, auf dem die Anfänge des Techno in Detroit nachhallen, dem Industriezombie, wo in den achtziger Jahren Pioniere wie Derrick May und Juan Atkins inspiriert von Kraftwerks Maschinenmusik ihre eigene, hypnotische Klangvision entwickelten.

In Phillip Sollmanns Leben gibt es seit seinem Durchbruch immer zwei Seiten, erzählt er. Er hält sie auf penible Weise getrennt. Da Efdemin, der Produzent, DJ und Jetsetter, dort Sollmann, der Klangkünstler, der unter seinem Klarnamen Soundinstallationen für Ausstellungen und Filme verwirklicht, der sich für mikrotonale Musik, für Drone-Musik, ganz ohne Beat, begeistert. Bevor er 2005 nach Berlin zieht und sich dem Techno zuwendet, studiert er in Wien elektroakustische Musik, beschäftigt sich mit La Monte Young, Pierre Henry, John Cage. Klang in jeder Form fasziniert ihn.

„Meine Mutter meint, ich hätte schon als kleiner Junge große Ohren gehabt“, erinnert sich Sollmann. Als Kind sucht er in jedem Raum nach dem Resonanzton. „Ich glaube, sie hat sich teilweise auch gedacht: Oh je. Was ist mit meinem Jungen los? Der sitzt wieder auf dem Klo und summt.“ Er fängt mit sechs an, Cello zu spielen, später tobt er sich in einer Punkband mit Hendrik Weber aus, der heute als Pantha Du Prince ebenfalls erfolgreich elektronische Musik macht. „Rein mechanisch erzeugte Klänge haben mich aufgrund ihrer Komplexität immer interessiert“, sagt Sollmann. „Mit dem Studium kam die Begeisterung für alternative Stimmungssysteme dazu. Ich habe jahrelang versucht, mit elektronischen Mitteln so etwas nachzuahmen. Ich merke, ich komme da gar nicht so weit, wie wenn ich einfach mal auf den Gong haue.“

Die Begeisterung, die das „Monophonie“-Projekt bei ihm auslöst, spürt man bei jeder Frage, die man ihm stellt – besonders zu Harry Partch, der für ihn der Ausgangspunkt war. Sollmann verschwindet für Minuten in assoziativen Erzählungen und Erinnerungen, getragen von einer Mischung aus kindlicher Faszination, akademischem und künstlerischem Wissensdurst. Vor allem begeistert ihn die Unnachgiebigkeit, mit der der Aussteiger Partch, der Amerika während der großen Depression in den Dreißigern als Hobo per Güterzug durchstreift, seine musikalische Vision abseits der im Westen vorherrschenden Zwölftonlehre verfolgt. Aber mehr noch die Instrumente, die er baut, die so entrückt klingen, wie sie aussehen: Harmonien mit 43 Tönen je Oktave, Marimbas aus Glühbirnen, Glocken aus abgetrennten Glasballons. 2013, als das Ensemble Musikfabrik, Partchs Spät- und Schlüsselwerk „Delusion of the Fury – A Ritual of Dream and Delusion“ zur Eröffnung der Ruhrtriennale erstmals in Europa aufführt, sitzt er im Publikum. Er ist überwältigt, auch heute noch, wenn er davon erzählt. Die Augen geschlossen, lässt er sich tragen, in den Klang, die Stimmung, die Ekstase. Er will unbedingt mit den Instrumenten arbeiten – und er hat Glück. Das Ensemble willigt ein.

Es ist das erste Jahr seiner Karriere, in dem Efdemin fast vollständig auf Funkstille geht. Nur ein Remix, Auflegen nur ein Wochenende pro Monat, seine Agentur hält ihn für irre. Sollmann jammt in Köln mit Partchs Instrumenten, in seinem Studio mit den aufgenommenen Samples. Es ist eine Herausforderung. „Anfangs dachte ich, da ist ja gar nichts. Was mache ich mit diesem Dritte-Welt-Instrumentarium hier? Zur Beruhigung musste ich manchmal abends Banjo üben.“ Doch er macht weiter, steigt in den Klang ein, entdeckt die Instrumente auf ganz neue Weise, berichtet er. Die Einschränkung wird zur Befreiung.

So sind sein letztes Album und das derzeitige Projekt im Geiste verwandt, wenn auch durch unterschiedliche Mittel geboren: Das Konzept, der Weg scheint klar. Fort von jeglichem Brimborium, hin zur Essenz, dem Klang, nackt und wahrhaftig. Er will ihn weitergehen – als Sollmann, als Efdemin. Vielleicht eines Tages ja sogar gemeinsam.

Konzert: Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 7. Februar, 20 Uhr

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