Porträt von Raimund Kummer : Kuckuckseier der Kunst

Erst malte er Stahlträger bunt, dann kam das Glas. Eine Begegnung mit dem Bildhauer Raimund Kummer in seiner Ausstellung im Hamburger Bahnhof.

Nina Raddy
Der Bildhauer Raimund Kummer mit seiner Arbeit "On Sculpture" im Hamburger Bahnhof.
Der Bildhauer Raimund Kummer mit seiner Arbeit "On Sculpture" im Hamburger Bahnhof.Foto: Thilo Rückeis / VG Bildkunst Bonn 2017

„Nach vierzig Jahren hat es endlich geklappt,“ sagt Raimund Kummer und lacht. Gemeint ist seine Ausstellung „Sublunare Einmischung“ im Hamburger Bahnhof. Spätestens seit Ende der 80er habe man immer mal wieder darüber geredet. Dazu gekommen ist es erst jetzt. Mit der Ausstellung soll nun ein Querschnitt durch das Werk des Bildhauers gezeigt werden. Schwierig wird es allerdings, wenn das Œuvre 40 Jahre und große Installationen umfasst. Beides ist bei Kummer der Fall. Am Ende haben trotz 800 Quadratmetern Ausstellungsfläche nur vier Werke hineingepasst. Eines mehr hätte er gern noch gezeigt. „Dafür hätte ich aber noch mal 300 Quadratmeter gebraucht“, feixt der Bildhauer.

Wenn Kummer spricht, schleicht sich immer wieder Berliner Dialekt ein, so viele Jahre lebt der gebürtige Hesse aus Mengeringhausen bei Kassel mittlerweile in der Stadt. Lange dort geblieben ist er nicht. Schon als Schüler fand er Malen interessanter als den Unterricht, nach Schulschluss fotografierte er Gegenstände aus Glas – „Aschenbecher und so’n Kram“. Mit 18 Jahren wurde es Kummer in Kassel zu eng. Er zog nach West-Berlin, um Malerei, Philosophie und Religionswissenschaften zu studieren.

Das war 1972, und „Berlin hatte 24 Stunden geöffnet“, so Kummer. Zeit und Raum habe man damals anders erfahren: Alles war voller Freiflächen und Baulücken, die Kriegswunden und unbeantworteten Fragen sichtbar machten. „Berlin repräsentierte das geschundene, zerstörte Deutschland“, erinnert sich Kummer, der heute Bildhauerei an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig lehrt. Für einen jungen Mann, der sich mit dem Faschismus und der Sprachlosigkeit der Eltern damals auseinandersetzte, war das der richtige Ort.

Formal, akademisch, so wollte und konnte er nicht malen

Nach seinem Meisterschüler-Titel 1977 und einer kurzen „Späthippie-Phase“ in Afghanistan geriet Kummer nach Berlin zurückgekehrt in eine Krise. Viele künstlerische Bewegungen der Zeit waren für ihn uninteressant geworden, zu formal, zu akademisch. Das wollte und konnte auch er nicht mehr malen. Die Malerei war für ihn zur Sackgasse geworden. Aus Enttäuschung kaufte er sich eine Minox-Kamera und fotografierte alles, was ihm im Alltag begegnete. „Ich wollte eine Bestätigung, dass ich noch etwas von der Welt mitbekomme, wollte spüren, dass mich noch etwas berührt“, erinnert sich Kummer. Er nahm Bauschutt, Pflastersteine, Straßenpoller und Bauwagen auf und erkannte darin zufällig entstandene Skulpturen. Mal griff er in die Szene ein, mal nicht. Aus diesem Festhalten von „zufälliger Schönheit“ entstand 1979 seine erste eigenständige Arbeit. Die Installation „Skulpturen auf der Straße“ ist nun auch im Hamburger Bahnhof zu sehen. Ein Diakarussell projiziert die damaligen Bilder auf eine alte, umgebaute Kofferleinwand.

«Mehr Licht» heißt das Werk von Raimund Kummer, das am 26.04.2017 in Berlin im Hamburger Bahnhof zu sehen ist. Die Ausstellung «Raimund Kummer. Sublunare Einmischung» ist vom 27.04.2017 bis 06.08.2017 zu sehen.
«Mehr Licht» heißt das Werk von Raimund Kummer, das am 26.04.2017 in Berlin im Hamburger Bahnhof zu sehen ist. Die Ausstellung...Foto: dpa

Raimund Kummer stürzte sich immer mehr in den öffentliche Raum und griff noch stärker ein, indem er Stahlträger und andere Alltagsobjekte in knalligen Farben lackierte. „Kuckuckseier“ nennt der Bildhauer, was er da in den öffentlichen Raum einschleuste. Ihn interessierte dabei die Anonymität des Künstlers. Gleichzeitig wollte er unbekannten Menschen scheinbar Gewöhnliches sichtbar machen und einen anderen Blick auf die Realität provozieren. In Deutschland war das damals ein Novum. 1980 gründete Kummer gemeinsam mit Hermann Pitz und Fritz Rahmann die Künstlergruppe „Büro Berlin“.

Ausstellen in Museen und Galerien interessierte das Dreiergespann nicht, sie wollten experimentieren. „Lützowstraße – Situation“ hieß eine ihrer frühen Interventionen in einem Haus ohne Strom und Heizung. Die Künstler bespielten einen Raum auf Zeit, bis der Nächste kam und sich mit den Spuren seines Vorgängers auseinandersetzte, um Neues daraus zu machen. „Es gab nichts, nur eine Kamera – und einer fängt an“, erinnert sich Kummer. Den Machern ging es nicht um eine Veröffentlichung, sondern den Schaffensprozess.

In abgerockten West-Berliner Häusern zeigte er Installationen

Irgendwann zeigten dann auch andere in abgerockten West-Berliner Häusern Installationen. Kummer, Pitz und Rahmann aber zogen lieber weiter. „Jeder Ort kann ein Ort für Kunst sein“, erklärten sie und begannen, überall Interventionen zu machen: in Wohnungen, Küchen, Kellern. Sie erwarben die Bar eines Filmsets, statteten sie neu aus und machten ein 24-Stunden-Event daraus – Kunst für den Moment. „Paradise Now“ nennt Kummer das.

Ende der 80er trennten sich die Wege der Künstler. Mit der Auflösung von „Büro Berlin“ begann für Kummer eine neue Phase: der Rückzug ins Atelier. Schnell entwickelte er eine Leidenschaft für großflächige Werke und Glas als Material. Das Sehen und Licht wurden immer wichtiger. Zunächst beschäftigte Kummer sich mit Sehinstrumenten wie dem Opernglas, bis ein befreundeter Künstler ihm eines Tages ein Glasauge in die Hand drückte. So wurde das Auge selbst in Form stark vergrößerter Augenprothesen zum Protagonisten seiner Werke.

Im Hamburger Bahnhof ist stellvertretend für diese Werkgruppe die Installation „Mehr Licht“ von 1991 zu sehen. In Anlehnung an Goethes vermeintlich letzte Worte blicken 101 glänzende Glasaugen blind in den Raum, furchteinflößend und schön zugleich. Dazwischen platzierte Glastafeln ergeben zusammengesetzt das Diagramm einer seltenen Augenkrankheit. Es geht um die Abwesenheit und Zerbrechlichkeit des Sehens und ist gleichzeitig eine Anspielung auf den Tod. Bei „nóstos álgos“ von 2012 beschäftigt sich Kummer mit der Nostalgie. 80 Diakarusselle werfen Bilder an die Wand. Die Dias sind schwarz, nur eins lässt Licht hindurch. Hinter den dunklen Lichtquadern lägen unsere Wünsche, Hoffnungen und Träume, so Kummer. Man wird auf die eigene Projektion zurückgeworfen, auf ein nach innen gerichtetes Sehen.

Eine bildliche Biografie aus 400 Aufnahmen

Die Fotografie ist bis heute wichtig in Kummers Œuvre. Das sich beständig erweiternde Werk „On Sculpture“ besteht mittlerweile aus über 400 Aufnahmen, die seit 1979 entstanden. Im Hamburger Bahnhof liegen sie auf zwei langen Tischen aus gestapelten Pappkisten aus, dieselben, die Kummer zum Sortieren seiner Bilder benutzt. „On Sculpture“ ist vor allem ein Selbstgespräch darüber, was Skulptur für ihn bedeutet.

Die Fotos sind zugleich Biografie und Bilderbuch der Stationen seines Schaffens: die Straßen und Plätze Berlins, das Haus in der Lützowstraße, die 24-Stunden-Bar und viele Glasaugen. Aber auch alles, was dazwischen kam: Arterien, Herzen, Fahrräder, fremde Länder, ein Panoptikum aus 40 Jahren künstlerischen Forschens, das weitergeht. Gerade hat Kummers Assistent neue Pappkartons besorgt. Erst mal genug bis 2021.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50–51, bis 9. 8.; Di bis Fr 10–18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Sa / So 11–18 Uhr.

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