Kultur : Porträtkunst: In Kunstkerkerhaft

Michaela Nolte

Emilia Viktoria Kraus, Milli Stubel-Orth, Constanze Mozart - Namen wie aus der Referatsliste eines feministischen Geschichtsseminars: Vergessene. Marginalien in den Biografien berühmter Männer. Drei Frauen - ein Gesicht: Irene Andessner schlüpft in ihre Masken und zieht den barocken Schönheiten zugleich ihre eigene Haut über. Ein opulentes Szenarium präsentiert Emilia Viktoria, Geliebte Napoleon Bonapartes, auf einem Silbertablett abgründiger Fantasie. Verbrämte Lust paart sich in den Fotografien mit latentem Hass und devoter Sinnlichkeit.

Irene Andessner ist keine Verwandlungskünstlerin à la Cindy Sherman, die als Individuum hinter ihren Figuren und Filmstills zurücktritt. Andessner porträtiert Frauen der Vergangenheit, Vorbilder wie Angelika Kaufmann oder Frida Kahlo und setzt dabei stets sich selbst in Szene: Irene Mozart, Emilia Andessner - die Grenzen sind fließend. In der radikalen Synthese von aristokratischer Grandezza und Lifestyle-Kitsch, von Person und Persona findet die 1954 geborene Künstlerin zu einem Ausdruck, der Peter Sloterdijk in seinem Essay "Zwischen Gesichtern" zur Wortschöpfung Détrait inspirierte: "eine postmoderne Alternative zur modernen Gesichtsentstellung". Die Gestalten leiden nicht mehr an der Fragmentarisierung von Welt - im Patchwork von Tradition und Gegenwart scheinen sie Thomas Bernhards Theatermacher verwandt: jeder Blick raunzt ein "Kunstkerkerhaft.

Zwei Leuchtkästen (je 36 000 Mark) bei Beck + Priess entstammen den "Frauen zu Salzburg" des Vorjahres. Das ironisch-perfide Kalkül der Serie verfehlt im Großformat jedoch die hintergründige Schärfe. Die grobgerasterten Videostills nivellieren die überbordende Lust am Fabulieren und verschwimmen in unscharfen Konturen des blow-ups zum anämischen Abbild. Konzentrierter und eindringlicher sind dagegen die C-Prints (2500 Mark) und Polaroids (12 000 Mark) der neuen Serie "Irrlichter". Andessner, die sich zunächst dem zeitgenössischen Porträt als Malerin näherte, tauschte den Pinsel 1996 gegen die Videokamera. Als Drehbuchautorin, Regisseurin und Performerin brilliert sie seitdem im Charakterfach Andessner. Die facettenreiche Personnage spiegelt Fiktion und Realität; Das Antlitz von Vorbild und Darstellerin verschmilzt im dialektischen Prozess, wo das Porträthafte über das Historienbild ebenso hinausweist wie über das Selbstbildnis. Andessners fotografische Bildnisse versammeln die vielschichtige Dramatis Personae einer Weltbühne jenseits von Gestern und Heute.

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