Portrait : Der Trainspotter

James Benning ist Amerikas bedeutendster Experimentalfilmer. Auf der Berlinale stellt er seinen magisch-schönen Eisenbahnfilm „RR“ vor.

Silvia Hallensleben
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James Benning dreht seine Filme meist ohne Team. -Foto: Berlinale

Als der Filmemacher James Benning vor zwei Jahren auf der Viennale zu Gast war, hätte mancher Wiener den Mann mit den grauen Zottellocken für einen Stadtstreicher halten können, wäre er nicht in einer Festival-Limousine vorgefahren. Jetzt sind die langen Haare ab, und Benning sieht aus wie ein gestandener Blue-collar-Arbeiter. Dieser Eindruck ist nicht ganz falsch. Erstens stammt er aus einer Arbeiterfamilie, deren Vorfahren vor drei Generationen aus Deutschland nach Milwaukee eingewandert sind. Zweitens betreibt der Künstler sein Metier ganz handfest, mit hartem körperlichen Einsatz. Benning ist ein Einzelkämpfer, der mit 16-mm-Kamera und Stativ im Kofferraum zu seinen Locations anreist, um dort unter widrigen Umständen oft stunden- oder tagelang auf den richtigen Dreh-Moment zu warten.

Angefangen hat der 1942 geborene Regisseur in den siebziger Jahren mit experimentellen Kurz-, später dann auch längeren Filmen, die mit Narration und Montage, vor allem aber dem Verhältnis von Bild, Schrift und Ton spielen. „American Dreams (lost and found)“ aus dem Jahr 1984 etwa zeigt eine chronologisch geordnete Sammlung von Memorabilia der schwarzen Baseball-Legende Hank Aaron, während im Ton abwechselnd Schlager und zeitgeschichtliche Tondokumente zu hören sind. Darunter läuft ein Schriftband mit Auszügen aus dem Tagebuch von Arthur Bremer, der 1972 den Präsidentschaftskandidaten George Wallace bei einem Attentat anschoss. Höhe- und Endpunkt dieser Periode war 1998 „Utopia“, in dem Benning den Soundtrack eines anderen Films – Richard Dindos „Ernesto Che Guevara“ – stahl und mit eigenen Bildern unterlegte.

1987 schon war Benning nach Val Verde in Kalifornien gezogen, wo er seitdem am California Institute of the Arts unterrichtet. Parallel machte er in den vergangenen Jahren acht Filme, die in langen statischen Einstellungen amerikanische Landschaften untersuchen: Stadtlandschaften wie die von Los Angeles („Los“, 2000) oder Milwaukee, das Great Central Valley in Kalifornien („El Valley Centro“, 1999), Wasser („13 Lakes“, 2004). Oder auch Himmel („Ten Skies“, 2004) – aus zehn mal zehn Minuten Licht und Wasser in verschiedenen Aggregatzuständen entsteht hier eine ganze Welt. Das Bauprinzip all dieser Film ist gleich und scheint betörend simpel. Die Kamera ist fest aufgestellt. Jede Einstellung – meist Totalen – dauert gleich lang. Oft ist es die 10-Minuten-Länge der benutzten 16-mm-Filmkassetten.

Bei aller offensichtlichen Schönheit erzählen Bennings Filme dabei immer auch – kommentarlos! – von den Zerstörungen, die die Industrialisierung dem Land antut. Mal sehen wir die gigantischen Gerätschaften der Agrarindustrie im Einsatz, dann sind es Schüsse, die in die reglose Stille eines Bergsees knallen. Doch als „dokumentarische“ Beweisstücke taugen die Filme nicht, dazu sind sie zu offensichtlich konstruiert. Die scheinbare Direktton-Authentizität täuscht oft. Das Tonmaterial für seine Himmelsfilme etwa hat Benning aus alten Filmen zusammengeklaubt.

Neben guter Vorbereitung ist vieles in Bennings Filmen auch Glückssache. Besonders schön ist das in seinem neuen Film zu sehen, der jetzt im Forum präsentiert wird, wo Benning Stammgast ist. Hier ist alles genauso wie bisher und doch ein bisschen anders – denn diesmal bewegt sich das gefilmte Objekt selbst im Raum. „RR“ heißt der Film, was für „Rail Road“ steht. Er setzt sich aus 43 Einstellungen zusammen, in denen jeweils mindestens ein Zug die Leinwand durchquert. Dabei richtet sich die Einstellungslänge diesmal nach dem Sujet und erfasst die Züge von ihrem ersten Auftreten, bis nach ihrem Verschwinden wieder Stille einkehrt oder Frösche quaken. Amerikanische Güterzüge sind lang und oft auch langsam, Warentransportmonster mit bis zu vier Loks, die die Landschaft als fahrende Mauern durchschneiden. Die Nähe vom Film zur Eisenbahn ist schon oft beschrieben worden – hier sehen die Züge aus wie durch die Landschaft gezogene Filmstreifen. Dabei scheinen die Waggonketten, mit Eigentümernamen und Graffiti beschriftet, Bennings frühe Schrift-Streifen-Experimente zu zitieren.

Zwei Jahre dauerten die Dreharbeiten. Nach dem er den Plan aufgegeben hatte, die Lokführer per Funk zu dirigieren, hat Benning Karten studiert, die die Zugfrequenzen der Strecken verzeichnen. Doch am Ende ist das Zustandekommen manch wahrhaft magischer Momente doch dem Zufall – und der Aufmerksamkeit des Publikums – geschuldet, erklärt Benning: „Es ist wie Angeln, du sitzt und wartest und weißt nicht, ob es ein großer Hecht oder nur eine Kaulquappe wird.“ Auf einer eigentlich vielbefahrenen Strecke am Hudson hat der Filmemacher anderthalb Tage vergeblich auf einen Zug gewartet – wegen Bauarbeiten. Das Produkt dieses Wartens ist eine der schönsten Szenen des Films, die auch einen witzigen Kommentar zum Verhältnis von Bild und Ton abgibt: Wir hören mächtiges Maschinendröhnen, sehen die Lichter, die sich auf den Gleisen nähern, und erwarten ein gewaltiges Schienenungetüm. Doch dann dreht der Lärm – offensichtlich ein unsichtbarer Hubschrauber – über uns ins Nichts ab, während auf den Gleisen fast scheu ein winzig kleiner Reparaturwagen vorbeihuscht.

Meist aber bestimmt das Rattern und Kreischen der Metallteile den Ton bis zur Schmerzgrenze. Auf der Tonspur hat Benning auch diesmal Hinweise auf die von ihm erwünschte Lesart untergebracht: unter anderem Passagen aus der „Offenbarung des Johannes“ und Woody Guthries „This Land Is Your Land“. Die Eisenbahn, bei uns gerne als ökologisches Verkehrsmittel der Zukunft gepriesen, ist in „RR“ auch Metapher für eine Geschichte der Verwüstungen durch den industriell-militärischen Komplex. Am Ende scheint ein Zug in einem Wald aus Windrädern steckenzubleiben. Dieses Schlussbild ist fast zu deutlich. Doch trotzdem wunderschön.

„RR“ läuft heute 17.30 Uhr im Arsenal, wo ab 18. 2. auch der zweite Teil einer Benning-Retrospektive zu sehen ist.

Der Regisseur James Benning wurde 1942 in Milwaukee, Wisconsin geboren. Er studierte Film an der University of Wisconsin. In den siebziger Jahren begann er,experimentelle Kurz- und Langfilme zu drehen, ab 1978 machte er sich auch mit Installationen einen Namen und lehrt seit 1987 am California Institute of the Arts in Valencia. Heute zählt er zu den großen Experimentalfilmern Amerikas. Seine langen, statischen Filme dreht er meist alleine.

Das Arsenal-Kino im Filmhaus am Potsdamer Platz zeigt seit Anfang Februar eine Retrospektive unter dem Titel American Landscapes, die nach der Berlinale fortgesetzt wird und bis 9. März dauert. Eine im vergangenen Jahr von Barbara Pichler und Claudia Slanar herausgegebene James-Benning-Monografie ist dort an der Kinokasse erhältlich.

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