Kultur : Postmoderne Steinzeit: Hans Hollein holt Stonehenge nach Wien

Jürgen Tietz

Die Postmoderne sieht manchmal sogar prähistorisch aus. 1960 schlug Hans Hollein eine radikale Überbauung Wiens vor, bei der er die Steine von Stonehenge an den Rand der Wiener Altstadt schieben wollte. Für die New Yorker Skyline entwarf er im gleichen Jahr ein Hochhaus in den Formen des Rolls-Royce-Kühlergrills – passend zum Chrysler Building. Schon früh reflektierte der inzwischen 69-jährige Altmeister der österreichischen Architektur die beiden Grundtendenzen des Bauens „Aufbauen und Aushöhlen“. So lautet auch der Titel einer Ausstellung mit Arbeiten Holleins in der Galerie Aedes East. Von der Steinzeit bis in die Gegenwart ist es für Hollein nur ein Gedankensprung. „Der frühe Mensch suchte sich zu schützen, indem er sich eingrub in die Erde oder eine Höhle fand“, schreibt er im Vorwort des Katalogs. „Er schützte sich, indem er Äste zu einer Umhausung baute und versuchte sich auszudrücken, indem er einen (rituellen) Steinhaufen errichtete – oder den Turm zu Babel.“

Angefangen hat Hollein in den Sechzigerjahren als Visionär, doch bald wurden seine Visionen baubar, und der Verkünder der Parole „Architektur ist alles“ stieg zum Stararchitekten auf. Die Ausstellung zeigt einige Höhepunkte seines Schaffens, etwa den Generali Media Tower in Wien (2000), bei dem Hollein die tradierten Seh- und Architekturgewohnheiten bricht und mit stürzenden Linien für optische Verwirrung sorgt. Ähnlich agiert er bei der Torre Interbank in Lima, Peru (2001), die sich wie ein überdimensionales geblähtes Segel einem Autobahnkreuz entgegenwölbt. Noch deutlicher wird Holleins Bezug zu El Lissitzkys Wolkenbügel aber bei dem Entwurf für die Monte Laa Porr Türme (Wien).

Zwei „normalen“ Hochhäusern wird eine zusätzliche, weit ausgreifende Struktur aufgesetzt, die wie ein angedocktes Raumschiff wirkt. In die andere Richtung orientiert sich sein Museumsentwurf im Mönchsberg (Salzburg), der tief in die Erde eingegraben ist. Noch spektakulärer in die Tiefe führt Holleins vor einem Jahr eröffneter Vulcania-Park im französischen Saint-Ours-Les-Roches. Die Anlage, Freizeitpark und Museum in einem, besteht aus zwei Großkegeln. Der eine Kegel steht aufrecht wie ein Schornstein, der andere Kegel ist quasi sein Negativ und weist ins Erdinnere. Bei dem Entwurf standen die „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ von Jules Verne und Dantes „Inferno“ Pate.

Galerie Aedes East, Hackesche Höfe, Rosenthaler Str. 40/41, bis 18. Mai, Di bis Fr 11-18, Sa und So 13-17 Uhr, Katalog 10 €.

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