Kultur : Potsdamer Platz: Cinestarsenalimaxx

Jan Schulz-Ojala

Der Himmel über dem Potsdamer Platz ist türkis. Dann wird er tiefblau. Dann ein Stich ins Rot, und er wechselt zu violett. Tiefviolett. Und schon wieder weiter: zu altrosa. Ein Stich ins Weiße. Und wieder über grün zu blau. Regenbogenfarben ohne Regen, von Menschen gemachte Regenbogenfarben.



Damiel und Cassiel, die Engel, sind hier zu Besuch. Herübergeflogen in den falschen Film, und nun hocken sie da unterm Himmel am Potsdamer Platz, unterm Dach des Sony Center, dessen Farben wechseln wie ein Regenbogen ohne Regen. Dafür mit Schnee, zufällig hat es geschneit über Weihnachten, und das Dach, ein mächtig gespannter Schirm über der Welt, hatte ausnahmsweise auch mal Schneefarben mit Schnee. Damiel und Cassiel hocken unter diesem Dach, hoch oben auf der Balustrade überm Filmmuseum, dort, wo Filmstudenten nächsten Sommer ihren Kaffee trinken werden, im Freien, dicht unterm Himmel.



Neun Stockwerke tiefer wuseln die Menschen durcheinander. Sie recken die Hälse, bestaunen das Dach. Den stählernen Schirmstock, der hineinragt in den mit Stahl und Glas umbauten Raum. Die Engel dort oben sind unsichtbar für sie, das gehört zum Spiel. Die Engel, die die Beine baumeln lassen über der Balustrade und die Flügel hinterm Schulterblatt verstauen. Freundliche, alte Rabengesichter in freundlich schwarzem Rabengefieder, so schauen sie hinunter auf die Menschen, die hochstarren zu ihnen und durch sie hindurch und an ihnen vorbei. Und lauschen ihren Stimmen.



Umtauschen, umtauschen, jetzt schnell noch umtauschen das und das. Kassenzettel dabei? Oder Omas Geld zu Sachen machen. Weihnachten war wieder der Horror irgendwie. Drei Sonntage am Stück, dabei ist schon ein Sonntag die Hölle. Na klar haben wir gestritten. Heiligabend schon. Wir erst beim Essen am ersten Feiertag. Kein Wunder, wir kennen uns gar nicht mehr. Müssen uns erst wieder aneinander gewöhnen. Aber gewöhnen uns gar nicht mehr. Egal egal. Kassenzettel dabei? Kassenzettel dabei.



Komm, wir fliegen ein bisschen, sagt Damiel. Über die Arkaden weg, die heute schwarz vor Menschen sind. Gucken durchs Glasdach. Komische Stadt, die die Menschen sich da gebaut haben in ihrer Mitte. Lauter Höhlen. Höhlenmenschen sind sie, immer Höhlenmenschen geblieben, findest du nicht? Ich denke gerade an Homer, sagt Cassiel, weißt du noch, der aus dem anderen Film? Der Alte, der immer gesagt hat: Kann den Potsdamer Platz nicht finden, und durchs Gras stocherte, als suchte er ein verrostetes Straßenschild? Lang her. Damals war nichts und der Himmel. Und eine Wand aus Beton. Beton? Da muss Cassiel lachen. Nicht für uns Engel.



Höhlenmenschen. Wohnen in Höhlen, reisen in Höhlen, in Doppeldeckern, Untergrundbahnen, Schnellbahnen. Oder steuern ihre Höhle allein. Rollen ihre Höhle in die Tiefgarage: nächste Höhle, Tropfsteinhöhle ohne Tropfstein, seltsam ausgeleuchtetes Labyrinth. Und dann ins Kino. Wie viel Höhlen mögen sie gebaut haben, über dreißig vielleicht, für die Träume hier? Cinestarsenalimaxx oder so ähnlich. Damiel und Cassiel oben auf dem Dach des Halbkreis-Hochhauses: Ja, von hier kann ich alle diese Höhlen sehen. Zu viel Wind, sagt Cassiel. Lass uns zurück in die große Sony-Höhle. Den Menschenstimmen lauschen.



Wir kommen alle hier ins Kino. Wir tauchen hier alle nur auf, um unterzutauchen. Wir erscheinen nur, um zu verschwinden. In bester Lage haben wir uns eine Stadt nur zum Verschwinden gebaut. Mit Hohlräumen, Hohlsälen, und vorn, wenn es dunkel wird, da nur die Leinwand, die Netzhaut, durch die wir in das andere Leben sehen. Alles ist Raum, nur die Leinwand ist Fläche. So können wir die Stadt aushalten und die anderen und uns selbst. Der Potsdamer Platz, gebaut für zehn Millionen Bewohner pro Jahr. Gebaut für zehn Millionen mal einzweidrei Stunden Wegsein aus der Welt. Wir brauchen das. Wir sind schließlich keine Engel. Nur Engel haben den Himmel fast für sich allein.



Wir könnten auch rauf die Zackenkrone der Gedächtniskirche fliegen, sagt Damiel, wie damals. Wir könnten auch rauf auf die Siegessäule fliegen, sagt Cassiel. Zu kalt, sagt Damiel. Auch Engel wollen sich mal unterstellen. Auch Engel brauchen Wärme. Cassiel lächelt: Du willst doch nicht schon wieder Mensch werden, wie damals? Neinnein, Damiel macht so eine Neinnein-Geste. Komm, wir hören nochmal zu, komm, wir lauschen den Menschenwörtern, die sich zu Sätzen formen nur für uns.



Saturnhugendubelwöhrl. Playstationzweisixthday. Beatlesnumberone. Hundertneunundzwanzigneunundneunzig. Mit Karte? Mit Karte. BitteunterschreibenSiehier. Hierunterschreiben. Unterschrift. Nachherinskinowenndasallesvorbeiist. Inskinooderplaystationzwei. Inskino. Erstinskino.



Es dämmert. Der Himmel über dem Potsdamer Platz ist tiefblau. Und wird ein bisschen rot und violett. Es fängt wieder an zu schneien. Damiel und Cassiel lauschen nicht mehr. Es ist nicht ihr Tag. Kein Tag zum Lauschen jedenfalls. Und so lösen sie sich von ihrem Ausguck auf der Balustrade, dort wo die Filmstudenten sommers Kaffee trinken, fliegen eine Ehrenrunde um den riesigen, im Sony-Hof stehenden Weihnachtsbaum und gehen zwischen den Leuten ins Cinestarimax. Rolltreppe runter und auf dem roten Teppich mit der Schrift aus einem ganz anderen Film immer geradeaus. Hinten rechts ist die Bar, der Tresen leuchtet gelb. Und ein bisschen grün. Wechselt ins Tiefblaue. Und nach einem Stich ins Weiße wieder ins Gelb. Damiel und Cassiel sitzen an der Bar und trinken Luft. Von hier aus kann man fast den Himmel sehen, den Farben wechselnden Himmel überm Potsdamer Platz.



Nicht unser Tag, sagt Damiel. Die Menschen sind so beschäftigt. Komm, wir gehen. Ins Kino?, fragt Cassiel. Warum nicht, sagt Damiel. Hinter der Bar ist die Glaswand zum nächsten Kino namens Arsenal. Und schon sind sie durch das Glas eine Welt weiter, Engel können das.

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