Kultur : Potzblitz, was ein Mädel!

Peymann inszeniert am Berliner Ensemble Schillers „Jungfrau von Orleans“

Andreas Schäfer

Wer ins Berliner Ensemble Claus Peymanns geht, weiß, dass er weniger ein Theater als ein Theatermuseum betritt. Diese Einstellung schützt vor bösen Enttäuschungen und gewährleistet andererseits, dass man trotzdem sein Vergnügen haben kann – ein Vergnügen freilich, das man sonst im Wachsfigurenkabinett oder in der Geisterbahn vermutet. Wo sonst als im Berliner Ensemble scheppern so eindrücklich echte Ritterrüstungen (Kostüme Maria-Elena Amos), auf welcher anderen Bühne werden vier Meter lange Speere geschwenkt, so dass man in den ersten Reihen Angst um seine Augen haben muss? Wo sonst strecken Schauspieler, wenn von Gott die Rede ist, so ergriffen die Hände gen Himmel, als befänden sie sich in einem Stummfilm der zwanziger Jahre? Claus Peymann inszeniert „Die Jungfrau von Orleans“ von Friedrich Schiller. Es ist aber nur halb so schlimm. Einen Gedanken, eine Interpretation oder eine Haltung zum Stück sollte man allerdings nicht erwarten.

Einem einfachen Bauernmädchen erscheint die heilige Jungfrau und befiehlt ihr, für Frankreich, das im Krieg mit England liegt, ins Feld zu ziehen. Das Mädchen überzeugt König Karl VII. von ihren seherischen Qualitäten, darf an die Spitze des Heeres, siegt nicht nur, sondern löst bei allen Begeisterung aus. Obwohl sie nicht nur „schön“, sondern auch „schrecklich anzusehen ist“, halten gleich mehrere Ritter um ihre Hand an, was Johanna empört zurückweist: „Ich bin die Kriegerin des höchsten Gottes,/ und keinem Manne kann ich Gattin sein.“

Denn das ist der eigentliche Konflikt in Schillers „romantischer Tragödie“, der die Legende von der Französischen Nationalheldin Jeanne d’Arc in seiner Bearbeitung ins Innerliche gewendet hat: Johanna verpflichtet sich, für ihren göttlichen Auftrag allem Menschlichen zu entsagen und bricht ihr Gebot, als sie den englischen Feldherren Lionel verschont, plötzlich in Liebe zu ihm entbrannt. Überhaupt geschieht in diesem Stück vieles plötzlich. Plötzlich ist Johanna auch für die anderen nicht mehr die Heilige, sondern die Hexe – und wird verbannt. Doch plötzlich lösen sich ihre Fesseln, dank inniger Gebete. Trotzdem geht die Geschichte traurig aus.

Es ist das Drama einer Gotteskriegerin: Glaubt man den göttlichen Visionen? Wie kollidiert Johannas Versöhnungsglaube mit ihrer Unbarmherzigkeit? Wo geht Frömmigkeit in Verblendung über? Das Stück ist so aktuell, dass man vor lauter Bäumen mitunter wohl den Wald nicht erkennen kann.

Peymann zumindest lächelt unbedarft, verbannt alles Kriegerische in lachhafte Schwertkampfszenen und konzentriert sich ganz auf das Wunderbare. Ihn interessiert einzig das großäugigie Staunen vor der Epiphanie: Wie Charlotte Müller als Johanna – mehr bezaubernde Fee als Kämpferin – gleich in der ersten Szene entrückt die geistige Krone auf ihr Haupt pflanzt und nach und nach alle Beteiligten zu Grimassen der Überraschung verleitet. Potz blitz, was ist mit diesem Mädel los?

Bei Peymann ist das Stück keine Tragödie, sondern eine okkult angehauchte Zaubershow, die gern den Charme eines Märchens hätte. Passend dazu schnappt im Bühnenbild Karl-Ernst Herrmanns ständig eine schwarze Wand auf und wieder zu und zeigt im Hintergrund mal ein goldenes Gerstenfeld, mal einen druidenhaften Steinhaufen. Da ein Hauptkonflikt nicht existent ist, rücken die Nebenscharmützel ins Zentrum, von Ulrich Eh schön ausgeleuchtet, von atemberaubendem Donner oder Vogelgezwitscher begleitet (Ton Alexander Bramann).

Da wäre beispielsweise Corinna Kirchhoff, die sich als böse Königin Isabeau über ihren weibischen Sohn Karl lustig macht und angenehm derb, kraftvoll und breitschultrig über die Bühne stiefelt. Das Ringen Karls mit seiner eigenen Feigheit, dem Thomas Wittmann die übertriebene Ratlosigkeit eines zitternden Windhundes gibt. Die Gesichtsgymnastik des Erzbischofs (Michael Rothmann) und das kalauernde Gerangel der Johanna-Anwärter, die wie trottelige Schulbuben abgewiesen werden. Das alles ist hübsch und belanglos anzusehen. Und die Speere sind wirklich unglaublich lang.

Wieder am 23. September.

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