Kultur : Power-Bruckner

Frederik Hanssen

"Die Freude über die zu hoffende Aufführung durch hochderselben Meisterhand ist allgemein eine unbeschreibliche." In offiziellen Briefen katzbuckelte Anton Bruckner stets in verschwurbeltem Untertanendeutsch. Beim Komponieren kannte der kleine Mann aus der Provinz dagegen keine Benimmregeln: Mit seinen zerklüfteten, apokalyptischen Werken schoss er weit über das hinaus, was seine Zeitgenossen zu denken wagten. Heute ist es gerade die filmnahe Schnitttechnik, das Zappen zwischen emotionalen und akustischen Extremen, das gleichzeitig Weltumspannende und höchst Intime in dieser Musik, das Bruckner für Jugendliche attraktiv macht: Weil er von einem Universum erzählt, in dem nichts mehr logisch organisiert ist.

Unter hochderselben Meisterhand von Franz Welser-Möst präsentierte das Gustav Mahler Jugendorchester jetzt Bruckners achte Sinfonie in der Philharmonie mit ehrlicher Begeisterung für diese immer noch unerklärlichen Klänge. Hatte der Musikchef der Züricher Oper jüngst bei den Berliner Philharmonikern mit Bruckners Dritter eine ziemlich enttäuschende Performance abgeliefert, verstanden sich die 125 Nachwuchsprofis aus 30 Ländern mit dem Dirigenten hörbar besser. Nachdem Welser-Möst die komplexe Struktur des Werkes in den Proben klar gemacht hatte, brauchte er am Abend nur auf der Welle der Emphase zu surfen. Zum Glück saß kein EU-Richtlinienkontrolleur im Saal: Die Wucht der Tutti-Aufwallungen hätte jedes Dezibel-Messgerät unweigerlich atomisiert. Trotzdem verlor der feurige Klangstrom nie die Richtung, weil die Musiker das Monumentale mit derselben Konzentration angingen, mit der sie sich in die introvertierten Passagen versenkten. Eine tolle Leistung. Oder, um es mit Bruckner zu sagen: Die Freude über die Aufführung war im Saal allgemein eine unbeschreibliche.

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