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Frederik Hanssen

Das ist Joshua Bell auch noch nicht passiert: Wenn der 33-jährige amerikanische Stargeiger am Mittwoch mit dem Mahler Chamber Orchestra im Konzerthaus am Gendarmenmarkt auftritt, wird er der Älteste auf dem Podium sein. Der Dirigent des Abends, Mikko Franck, ist gerade einmal 21, das Durchschnittsalter der Instrumentalisten liegt bei 28. Dabei sitzt Bell bei Leonard Bernsteins "Serenade" kein Jugendorchester im Rücken, sondern eine der interessantesten Klassik-Formationen Europas. Spiritus rector des 1997 gegründeten Ensembles ist kein Geringerer als Claudio Abbado. Als die ersten Musiker aus seinem Gustav Mahler Jugendorchester "herauszuwachsen" begannen, regte er sie an, als Profiensemble weiterzumachen. Vorbild ist das Chamber Orchestra of Europe (COE), das ehemalige Mitglieder des European Union Youth Orchestra begründet hatten.

Während das COE den Berlinern seit langem gut bekannt ist, war das Mahler Chamber Orchestra noch nie in in der Hauptstadt zu erleben - obwohl das Ensemble seit vier Jahren von Berlin aus geleitet wird. Der Grund ist erfreulich und gleichzeitig beschämend: Das Orchester kann es sich nicht leisten, in seiner "Heimatstadt" aufzutreten - das Eintrittspreis-Niveau hier ist einfach zu niedrig. "Wer ohne Subventionen arbeitet, muss zunächst einmal dort auftreten, wo die Kosten durch die Einnahmen gedeckt werden können", erklärt Orchester-Managerin Andrea Zietschmann. Und so wurden wohlhabende italienische Musikliebhaber unbemerkt zu Sponsoren: "Dank einer lukrativen Konzertreihe durch Italien, können wir jetzt endlich einmal in Berlin, Hamburg und Stuttgart spielen", freut sich Andrea Zietschmann.

Neugier und Professionalität sind die Stärken dieser musikalischen Interessenvereinigung: Wer hier mitmacht, hat keine Lust auf den Routinealltag der großen Staatsorchester. Dafür nimmt er bewusst die Unsicherheit des freien Musikmarktes in Kauf. Zwar gehören die meisten der 50 Mitglieder zum festen Kern, doch bezahlt werden sie nur projektweise. Dafür sind sie aber dann auch bei so sensationellen Produktionen dabei wie Brittens "Turn of the Screw" unter Daniel Harding in diesem Sommer in Aix-en-Provence oder bei Claudio Abbados feingeistiger "Così fan tutte" in Ferrara.

Jetzt treffen sie erstmals mit Mikko Franck zusammen. Vor zwei Wochen beeindruckte der finnische Senkrechtstarter als Gast der Staatskapelle das Berliner Publikum mit einer Mischung aus natürlicher Autorität und Lust am Klang. Für Mittwoch hat er neben Bernsteins "Serenade" und Beethovens "Eroica" ein Stück seines Landmanns Joonas Kokkonen ausgewählt: In seinen Werken versucht Kokkonen, das Neue organisch aus der Tradition zu entwicklen. Genau das Richtige also für die neugierigen Musiker des Mahler Chamber Orchestra.

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