Kultur : Powerfrauen im Vestalinnengewand

KATJA REISSNER

Zarte Mädchen, elegante Damen, auratische Madonnen und eine antike Vestalin: Rahmen an Rahmen hängen Selbstbildnisse, Freundschaftsbildnisse und Historiendarstellungen mit antiken und christlichen Themen in der Schloßküche zu Gotha.In den klassizistischen Räumen werden sie durch Stilleben, Landschaften und italienische Impressionen ergänzt.Ein dichtes Kontingent von Künstlerinnen, das schon deswegen eindrucksvoll erscheinen muß, weil man bisher kaum etwas von diesen Werken und den Biographien ihrer Schöpferinnen vernommen hat.Ein Team von Wissenschaftlerinnen hat unter der Leitung von Bärbel Kovalevski die "Künstlerinnen der Goethezeit" gründlich aufgearbeitet.Und so ist Goethe selber Anlaß und zumindest beiläufiger Mittelpunkt der Schau, es werden hier mehrere Bildnisse von ihm gezeigt.

Die von ihm ermutigte und protegierte Künstlerin Angelica Facius hatte eines davon um 1836 als Medaille gefertigt.Ihm schmeichelte ihre Auffassung seines olympischen Hauptes: "Die kleine artige Facius hat meinen Kopf so artig in Wachs poussiert, daß ich mir selber darin gefalle." In diesen Worten klingt an, daß er die Schöpferin wie ein väterlicher Gönner betrachtete.Noch auf seinem Sterbebett unterzeichnete er ihr einen Antrag zur finanziellen Unterstützung für einen Studienaufenthalt im Atelier des Bildhauers Christian Daniel Rauch in Berlin und konnte damit sein klassizistisches Kunstideal auch durch den weiblichen Künstlernachwuchs befördern.

Als junger Mann hatte Goethe die damals auf der Höhe ihrer Karriere stehende Angelika Kauffmann getroffen und sich bei ihr Rat eingeholt, ob er sich im Malen und Zeichnen ausbilden solle.In dieser Situation war eindeutig, daß er, der später den weiblichen Künstlern nur zögerlich zutraute, über den Dilettantismus hinweg zur Professionalität zu gelangen, seinerseits als ein Dilettant figurierte und eine Meisterin vor sich hatte, sozusagen den Prototypus international erfolgreichen Künstlertums im 18.Jahrhundert.

Kauffmann überwand männliche wie weibliche Klischees, steuerte zielstrebig auf die jedem Akademiestandard genügende Königsgattung der Malerei - die große Historie - zu, war Mitglied fünf europäischer Kunstakademien und unterhielt nicht nur seit 1782 ein renommiertes Atelier in Rom, sondern auch ein blühendes Gesellschafts- und Salonleben.Ihr Selbstbildnis von 1780 ist in der Ausstellung zu sehen und eben jene Darstellung einer Vestalin, die im Rückgriff auf die Antike andeuten mag, was Frauen als Künstlerinnen einander sein könnten - nämlich Freundinnen und Gleichgesinnte in einer Gemeinschaft, die von Männer nicht beschränkt wird.

Tatsache ist, daß die Nachfolgerinnen der Kauffmann den Konflikt zwischen Ehe, Familie und Künstlertum selten ohne Entsagung in der einen oder anderen Richtung befrieden konnten.Auch gelang es ihnen meist kaum, der sexualisierten Sicht der professionellen Männer auf sich zu entgehen.Als eine der erfolgreichsten Malerinnen in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts ist der großen Kauffmann die Malerin Louise Seidler ebenbürtig, deren Werk kaum wahrgenommen wurde, während sie selber dem Weimarer Kreis um Goethe einige Künstler anempfohl, wie zum Beispiel Caspar David Friedrich und Georg Friedrich Kersting.Auch sie zog es nach Rom, mit der Bewegung der Nazarener, die eine neue, spirituelle Kunst begründen wollten und dabei an die großen italienischen Meister der Renaissance anknüpften.Doch wurde sie als Ateliernachbarin von Julius Schnorr von Carolsfeld reserviert aufgenommen, was zeigt, daß die ideelle Gemeinschaft der deutschen Künstler die Kolleginnen nicht unbedingt christlich und herzlich einschließen wollte.Es ist wohl ihrer sozialen Kompetenz zuzuschreiben, daß er kurze Zeit später Frieden mit ihrer Anwesenheit geschlossen hatte.Sie hat die italienischen Jahre von 1818 bis 1823 jedoch als "einen einzigen hellen Frühlingstag" empfunden und ausführlich in ihren Erinnerungen beschrieben.Sie kam dem Lebensmodell nahe, welches die "Vestalinnen" symbolisieren und hatte schon in ihrer Dresdener Zeit einige Malerinnen zu Freundinnen, wie Dora Stock, Caroline von Bardua oder Apollonia von Seydelmann.Stetig schritt sie in ihrer Professionalisierung voran und finanzierte schon bald den künstlerischen Unterricht bei ihrem Dresdener Lehrer Gerhard von Kügelgen von den Einnahmen ihrer Porträts statt von ihren Handarbeiten.Kein Geringerer als Goethe selbst half ihr entscheidend dabei: 1816 erteilte er ihr den Auftrag zu dem Votivbild "Der heilige Rochus" für die Wallfahrtskirche in Bingen, das in der Ausstellung zu sehen ist.

In Weimar wurde sie nicht nur die Zeichenlehrerin der Prinzessinnen Marie und Auguste von Sachsen, sondern zur Krönung ihrer Karriere, wiederum auf Empfehlung Goethes, 1824 auch Kustodin der Herzoglichen Gemäldegalerie - als erste Frau mit einer solchen Position in Deutschland.Bei ihrem zweiten Italienaufenthalt 1832 gründete sie ein Atelier für Künstlerinnen.Zuvor schon hatte sie Marie Ellenrieder, Barbara Popp und andere im Künstlerkreis in Italien eingeführt und mit ihnen wesentlich zur Produktivität der Nazarener beigetragen, ohne daß die Kunstgeschichte dies adäquat wahrgenommen hätte.

Schloß Friedenstein, Gotha, bis 18.Juli 1999; täglich geöffnet von 10 - 17 Uhr

Katalog 45 Mark

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