Kultur : Prada-Meinhof-Chic ist nicht mehr cool

Rückzug aufs Kerngebiet: Heute wird über das neue Konzept einer Berliner „RAF-Ausstellung“ entschieden

Christina Tilmann

Wenn Ende 2004, Anfang 2005 das Deutsche Historische Museum in Berlin seine Dauerausstellung eröffnet, wird sie auch einen Raum zum Thema „Rote Armee Fraktion“ enthalten. Dort werden vielleicht ein paar Fragen beantwortet, die im Zusammenhang mit der umstrittenen RAF-Ausstellung der Berliner Kunst-Werke aufgetaucht sind: Fragen nach dem genauen Hergang des Polizeieinsatzes von Bad Kleinen, bei dem der Terrorist Wolfgang Grams ums Leben kam, oder nach dem Mord an Alfred Herrhausen, Fragen nach der Rolle von Politik und Gesellschaft in dem, was im Rückblick Deutschlands dunkelster Herbst seit 1945 war. Und vor allem Fragen nach der heutigen Bewertung der „Baader-Meinhof-Bande“.

Zwischen die Mühlen der unabgeschlossenen, ja noch nicht einmal richtig begonnenen Auseinandersetzung mit diesem Nachkriegsphänomen ist im vergangenen Sommer auch eine Institution geraten, die urspünglich einen ganz anderen Plan verfolgte: dem Nachleben der RAF in Film und Kunst nachzuspüren. Die Kunst-Werke wollten untersuchen, warum diese deutsche Spielart des Terrorismus in Zeiten der Popkultur eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Künstler, Fotografen, Regisseure, Autoren, ja selbst Modemacher ausübt. Dass die RAF, lange bevor sie historisch aufgearbeitet und gesellschaftspolitisch verdaut sein wird, künstlerisch zum Mythos wurde, war eine richtige Ausgangsbeobachtung. Doch gerade dass sie richtig war, ist den Kuratoren der Kunst-Werke zum Verhängnis geworden: Ihre Beobachtung zum „Mythos RAF“ wurde mit einer Behauptung verwechselt. Und das Vorhaben, begünstigt durch ein publizistisches Sommerloch und ein unklar formuliertes Konzept, schnell zum Politikum. Versuche der Schadensbegrenzung verschlimmerten das Ganze nur noch. Die Ausstellungsmacher versicherten, mit den Angehörigen von RAF-Opfern solle noch gesprochen werden, anerkannte Institutionen wie die Bundeszentrale für politische Bildung und das Hamburger Institut für Sozialforschung sollten für Seriösität bei der Aufarbeitung sorgen. All das erweckte den Eindruck, hier sei eine Truppe blauäugiger, historisch unsensibler Jungkuratoren am Werk. Von Kunst war bei all dem kaum mehr die Rede.

Höchste Zeit also, dass die Ausstellungsmacher mit einem konkretisierten Konzept die Notbremse zogen und sich auf das beschränken, was von einer Kunstinstitution zu erwarten ist: eine Ausstellung zum Thema „Kunst und RAF“. Ob dieser Antrag, über dessen Förderung heute in einer Sondersitzung der Hauptstadtkulturfonds-Kommission entschieden wird, nun ein völlig neues Konzept bedeutet oder eine längst fällige Konkretisierung des alten: Kulturstaatsministerin Christina Weiss nahm Ersteres an und ließ deshalb in der vergangenen Woche verbreiten, die Ausstellungsmacher sollten bitte schleunigst die schon ausgezahlten 100000 Euro Fördermittel zurückzahlen.

Wenn die Kommission um Adrienne Goehler, Christina Weiss und Thomas Flierl heute positiv entscheidet, wird man irgendwann vielleicht über die Ausstellung debattieren können. Denn das Konzept ist gut, wenn auch vielleicht etwas zu stark abgesichert. Es spannt den Bogen von den 68er-Foto–Ikonen eines Michael Ruetz, nimmt Joseph Beuys, der 1972 mit seiner Arbeit „Dürer, ich führe Baader und Ensslin über die documenta 5“ provokant Stellung bezog, ebenso ins Programm wie Gerhard Richters legendären Zyklus „18. Oktober 1977“ und findet in jüngerer Zeit bei den filmischen Rekonstruktionsbemühungen von Andres Veiel („Black Box BRD“), Gerd Conradt („Starbuck“) und Lutz Hachmeister („Schleyer“) ein Ende.

All diese Positionen gehören zur deutschen Kulturgeschichte und sind längst diskutiert und akzeptiert. Versuche einer Romantisierung der Terroristengeneration wie Christopher Roths auf der Berlinale 2002 gezeigtes Heldenepos „Baader“ oder Leander Scholz’ der Geschichte von Andreas Baader und Gundrun Ensslin nachgeschriebener Liebesroman „Rosenfest“ wurden gar nicht erst ins Konzept aufgenommen, von Modephänomenen wie dem „Prada Meinhof“-Chic ganz zu schweigen.

Dennoch: Auch über diese Ausstellung wird man streiten, und der Streit wird, positiv gewendet, Zeitgeschichte sein. Die dringend erforderliche historische Aufarbeitung jedoch müssen andere übernehmen: Historiker. Politiker. Und Institutionen wie das Deutsche Historische Museum“, die sich viel zu lange um die jüngere Vergangenheit gedrückt haben.

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