Kultur : Prächtig pariert

SHOW

Thomas Thiel

Galileo Galilei beschwerte sich über eine Welt aus Papier: Immer nur schreiben und schreiben die Menschen, lesen das, was andere geschrieben haben – und schreiben von neuem drauf los. Eine endlose Zirkulation derselben falschen und papiernen Gedanken sei das. Stattdessen forderte Galilei das Experiment. Ennio Marchetto , der italienische Verwandlungskünstler und Sänger-Clown, hat das Papier selbst zum Experimentalstoff gemacht. „Paper Marylin“ nennt er seine Show, mit der er im Tipi am Kanzleramt virtuos die Schnittstelle zwischen Menschfleisch und Papiermenschen bearbeitet. Living Cartoon heißt sein künstlerisches Konzept. Was steckt dahinter?

Dahinter steckt Ennio selbst, der in seinem Strumpfhosenkörper tänzelt und zappelt, knickt und faltet. Davor eine Star-Akademie kunstvoll gefalteter Papier-Puppen. Dazwischen eine simple Technik: Umziehen – Wegklappen – Abknicken – Ausfalten. Aus Marilyn, vollbusig ihren Rock über dem Luftschacht lupfend, wird so in Sekundenschnelle eine glubschäugige Mona Lisa, die... zu spät: schon sehen wir Gene Kelly schirmschwingend „Singing in the rain“ intonieren, nein, jetzt ist es eine mädchenhaft unberührte Madonna, die, schwups, zur peitschenschwingenden Männerphantasie emporwächst, um – ja „Servus, Grüezi und Hallo!“, ihr Hellwig-Schwestern...

Es könnte ewig so weitergehen. Fünfzig Verwandlungen pro Stunde macht tausendzweihundert am Tag, macht... Ja, das Showgeschäft ist schnelllebig. Aber nirgendwo funktioniert es so rasant, so geölt und so überraschend wie bei Ennio, dem Transformista. (bis 27. Februar, täglich außer Montag)

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