Kultur : Pralles Leben

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SCHREIBWAREN

Jörg Plath über Lebensläufe

und solche, die ihr Glück vernichtet haben

Keine Präludien diesmal, eine pralle Woche steht bevor, „Das pralle Leben“ lockt. Das verspricht jedenfalls der Literatursalon des DeutschlandRadios morgen Abend (Musikclub im Konzerthaus , 20 Uhr), der sich literarischen Biografien widmet mal sehen, wie Joachim Fest (Hitler), Michael Jürgs (Grass, Springer) und Dieter Kühn (Frau Merian, Wolkenstein) den peppigen Titel finden.

Von gleich mehreren Biografien zeigt sich Sibylle Lewitscharoff in ihrem dritten Roman „Montgomery" (DVA) fasziniert: Von Joseph Süß Oppenheimer etwa, dessen Name nur noch durch einen der widerlichsten nationalsozialistschen Propagandafilme bekannt ist. Oppenheimers Leben will der Filmproduzent Montgomery Cassini-Stahl in Rom neu verfilmen. Lewitscharoff erzählt von den acht Tagen vor seinem Tod, von seiner Liebe zu einer jungen Frau und einem Rom, in dem Stuttgart Platz hat… ( Literaturhaus , 19.2., 20 Uhr).

Kathrin Schmidt s „Königs Kinder“ (Kiepenheuer & Witsch) und ihr „gackhüpfelndes Reden“, das die Mauer vor der eigenen Vergangenheit erschüttert, habe ich Ihnen bereits vor drei Wochen ans Herz gelegt. Am 20.2. liest sie noch einmal im Buchhändlerkeller (21 Uhr).

Am selben Abend treffen Georg Klein („Von den Deutschen“, Rowohlt) und Tobias O. Meißner („Hiobs Spiel“, Eichborn) aufeinander, der stilsichere, seine Texte auf Hochglanz polierende Manierist mit Lust am Klischee und das trashige, die Action liebende Raubein. Beide plündern auf ihre Art, aber stets hemmungslos die Tradition, ob Romantik oder Comics, worüber sie sich gut unterhalten könnten in der Literaturwerkstatt (20.2., 20 Uhr).

Unser „Aller Ding“ (S. Fischer) ist das Alphabet, meint Michael Lentz . Seines ist es allerdings in besonderem Maße: Die Lesungen des Sprachartisten und Erzählers sind stets Performances. Lentz präsentiert seinen neuen Gedichtband („bruchstück // im regen eine zurückgebliebene leiche / eine hinzugelaufene Katze / ein offenes fenster noch / und wir / die alles zu ordnen / wissen") am 20.2. im blau über Stadt schwebenden Literarischen Salon der Allianz (20 Uhr, An den Treptowers 1, 30. Stock).

Zurück zu den Biografien: Adolf Muschg erzählt stets von Menschen, die das eigene Glück vernichtet haben. In „Das gefangene Lächeln“ (Suhrkamp) schreibt Josef Kaspar Kummer einen Brief an seinen Enkel, um zu erklären, warum er seine Verlobte in den Fünfzigerjahren tot schlug, floh und eine andere heiratete ( Akademie , 23.2., 20 Uhr).

Der 81-jährige Tadeusz Rozewicz ist neben Wislawa Szymborska, Zbigniew Herbert und Czeslaw Milosz der wichtigste Dichter Polens. „Ich bin vierundzwanzig / unterwegs zur schlachtbank / bin ich davongekommen“, schrieb er, der den Zweiten Weltkrieg im Widerstand überlebt hatte. Rozewicz hat in seiner kargen, mit Trauer und Strenge um Wahrheit ringenden Lyrik, in Erzählungen und Theaterstücken das ideelle Vakuum und die „absurde Welt des realen Sozialismus“ vermessen. Der große alte Dichter ist am 26.2. im Literaturforum zu hören (20 Uhr).

Vom Realsozialismus ist auch Wolfgang Hilbig unübersehbar geprägt. Seine Landschaften des Zerfalls sind Angstterritorien der Seele. Sie liegen meist im Braunkohlegebiet um Meuselwitz bei Leipzig, wo der sprachgewaltige Dichter und Autor der Identitätsauflösung 1941 geboren wurde und lange als Heizer arbeitete. Der neue Erzählungsband „Der Schlaf der Gerechten“ (S. Fischer), aus dem der Büchnerpreisträger am 26.2. im Literaturhaus (20 Uhr) liest, erzählt von Kindheiten in den Fünfzigerjahren und der Zeit nach 1989. Das pralle Leben kennt Hilbig nicht, nur ein Höllenuniversum.

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