Kultur : Prassen und Prellen

Eine

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von Christiane Peitz

Aufstieg und Fall der Stadt Berlin. Man könnte ihn glatt umtaufen, den Klassiker von Brecht und Weill, der heute Abend in der Komischen Oper Premiere feiert. Okay, Geld macht sinnlich vor allem an anderen Orten, aber die Parabel von der Paradiesstadt Mahagonny am Rande der Wüste taugt trotzdem vorzüglich als Lehrstück über die Berliner Verhältnisse im Jahr 2006.

Denn erstens ist Berlin ein Paradies für Kulturfreaks. Zweitens stranden hier die Unzufriedenen aus aller Herren Länder. Drittens darf man hier alles dürfen – nur muss man es bezahlen können. Und viertens droht andernfalls die Hinrichtung, siehe Opernstiftung.

Was Berlin von Mahagonny unterscheidet: Hier finden Aufstieg und Fall gleichzeitig statt. Die Kultur boomt und brummt – und klagt. Die Popkomm folgt dem Literaturfestival, nach dem (Klassik-)Musikfest startet die Bühnensaison samt prall gefülltem Premieren-Terminkalender, und auch der Kunstherbst mit Art Forum und Ausstellungs-Marathon fällt üppiger aus als zuvor. Aufschwung allüberall: Soeben hat mit dem Radialsystem eine neue Offbühne für Tanz und Theater ihre Pforten geöffnet, der gute alte Admiralspalast erstrahlt seit dem Sommer in frischem Glanz und freut sich über ausverkaufte Vorstellungen. Selbst die Nachbarstadt Potsdam – auch so ein Ort am Rande der Wüste – lässt sich nicht lumpen und weiht ein funkelnagelneues Theater ein.

Alles so schön simultan hier. Sasha Waltz’ zur Radialsystem-Eröffnung umjubelter Compagnie werden die Gelder gekürzt. Das enge Finanzkorsett der Ensembles, die marode Lindenoper, die sparzwanggeschrumpfte „Topographie des Terrors“ – man kommt aus dem Lamentieren gar nicht mehr raus. Vom ausstehenden Reformpapier Michael Schindhelms zu schweigen, das wohl einem Offenbarungseid der Opernstiftung gleichkommen wird. Pleite und Feier, Konkurs und Erfolgskurs: zwei Hauptstadt-Parallelen, die sich im Endlichen schneiden.

In der „Mahagonny“-Oper verhängt Witwe Begbick die Todesstrafe über den Holzfäller Paul, weil er die Zeche prellte und auch noch ein lustiges Lied sang. Berlin, wie es singt und prellt, hat lustigere Witwen.

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