Kultur : Prater im Nordlicht

Heidi Hoo & Co.: Wie René Pollesch auf Finnen wirkt. Beobachtungen beim Theaterfest in Tampere

Christine Wahl

Eine Mittdreißigerin im Business-Kostüm hackt auf ihren Laptop ein. Ihre Kollegin ergeht sich in Slow-Motion-Turnübungen. Als eine dritte Akteurin sich schließlich einen Zylinder aufsetzt und eine Art Männerzirkus anmoderiert, in dem Platon, Aristoteles, Hegel und der Papst als tatterige Krückenclowns an die Rampe humpeln und machistisches Gedankengut zum Besten geben, lachen sich die Zuschauerinnen kollektiv tot.

Als Berliner Theatergängerin erlebt man an dieser Stelle ein kleines Déjà-vu mit Sofia Coppolas Film „Lost in Translation“. Die Frauenperformance heißt „Nainen palaa“; Spielort: Hällä-näyttämö in Tampere, Finnland, knappe zwei Zugstunden nordwestlich von Helsinki. „Nainen palaa“ („Frau brennt“) eröffnet den 38. Theatersommer – ein Festival, das internationale Gastspiele mit einer Art finnischem Theatertreffen verbindet. Neben Kulturimporten, die dieses Jahr aus Großbritannien, Ungarn, Deutschland und der Schweiz kamen und größtenteils schon in Berlin zu sehen waren, werden hier die bemerkenswertesten landeseigenen Inszenierungen der Saison gezeigt.

Gemessen an der archetypischen finnischen Lautverbindung, ist der kulturelle Grundwortschatz überraschend schnell erlernt: Theater heißt teatteri, Kultur kulttuuri, Kapitalismus kapitalismi, Alkoholiker alkoholisti, und wenn man sich abends im festivaleigenen „klubi“ unters Theatervolk mischt, fühlt man sich fast wie in der Volksbühnenkantine: Jeder finnische Theaterschaffende kann sich mit Grandezza zu Castorfs „Idiootti“ äußern; und überhaupt wird die Qualität einer Inszenierung grundsätzlich nach ihrem Castorf-Grad bemessen. Was umso bemerkenswerter ist, als sich die meisten finnischen Inszenierungen auf einer Skala von eins bis zehn (und das ist jetzt völlig ironiefrei gemeint) ungefähr bei null Komma fünf Castorf einpendeln würden.

„Das finnische Theater ist ein Theater von unten“, erklärt Jukka-Pekka Pajunen, einer der drei Juroren und Festivalleiter. Bühnenkunst, die in der Arbeiter- und Amateurtheatertradition wurzelt. Tampere, eine traditionelle Arbeiterstadt mit rund 200 000 Einwohnern, zu deren touristischen Höhepunkten ein Arbeiter- und ein Leninmuseum gehören, unterhält ein knappes Dutzend Theater. Und die sind voll! Der Theaterbesuch soll in der „Eishockey-Stadt“ weit vor dem Sport die Hitliste der Freizeitbeschäftigungen anführen. Tatsächlich wäre ein Pollesch-Publikum wie in Tampere im Berliner Prater eine mittlere Sensation: „Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr“ vom Q-teatteri Helsinki, der erste Pollesch auf dem finnischen Theatermarkt, interessiert die pubertierende „Lolarennt“-Rote genauso wie den Stoffbeutel-Rentner, dem man hierzulande bestenfalls ein Blaskapellen-Open-Air zutrauen würde. Oder die finnische Präsidentin Tarja Halonen, der man im Laufe der Festivalwoche mindestens fünfmal fast auf die Füße tritt, weil sie ohne Entourage und Schaulaufzwang im Foyer mit der Festivalleitung fachsimpelt.

„Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr“, ein 2000 im Podewil uraufgeführtes Pollesch-Stück, heißt auf Finnisch „Heidi Hoo ei ole enää täällä töissä“. Und klingt auch so: völlig fremd. Regisseur Mika Leskinen hat in Berlin „mit Begeisterung“ René Polleschs Prater-Trilogie gesehen – und nun den abenteuerlichen Spagat unternommen, den Pollesch-Sound mit einer Art Einfühlungstheater zu kombinieren. In einer Mischung aus Büro- und Aufreißer-Klamotten schreien seine drei Darstellerinnen die Kunstwortkaskaden mal Prater-like heraus; mal sitzen sie an der Rampe und scheinen das Publikum fast in Stanislawski-Manier vom Dilemma des modernen Lebens- und Arbeitsmarktes überzeugen zu wollen. Pollesch selbst war leider auf Dienstreise. Die Spielgenehmigung habe der Prater-Chef, der seine Stücke fast ausschließlich selbst inszeniert und in aller Regel nicht zum Nachspielen freigibt, ganz umstandslos erteilt, sagt Pajunen, der „Heidi Hoh“ verfinnischt hat.

Einheimische Inszenierungen wie diese, die mit der realistischen Tradition brechen, sind in Tampere relativ selten. Man sah eine tolle Version von Falk Richters High-Tech-Schauermärchen „Electronic City“ aus Helsinki: Der Regisseur Egill Heidar Pálsson hat mit dem Theater Viirus & 90° Richters aseptische globale Spieler in einen herrlich schmutzigen, körperintensiven Bühnennahkampf zwischen „Pulp Fiction“ und „Macbeth“-Existenzialismus verwickelt.

Als Repräsentanten neuer Theaterformen waren vor allem die deutschsprachigen Festivalbeiträge – Chris Kondeks vom HAU mitproduziertes Börsenstück „Dead Cat Bounce“ und Stefan Kaegis mit Hobbymodelleisenbahnbauern am Theater Basel realisiertes Doku-Projekt „Mnemopark“ – beide Preisträger des Festivals „Politik im Freien Theater“ vergangenen November in Berlin – nach Tampere geladen. Die Gastgeber goutierten das vor allem im Falle Kaegis mit stehenden Ovationen: Der „Helsingin Sanomat“, die führende finnische Tageszeitung, schlug vor, die längst aufgegebene Praxis der Preisverleihung wieder einzuführen und sämtliche Auszeichnungen an „Mnemopark“ zu vergeben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben