Kultur : Preis der Propaganda

Malte Lehming

über die deutsch-amerikanische Versöhnung

Die Geister, die er rief, erwachten. Sie taten sich zusammen, gründeten einen Chor, verteilten die Partitur und schmetterten los. Sie schmettern seitdem. Das Singen macht ihnen Spaß, am liebsten in Forte oder Fortissimo. Es erleichtert. Es befreit. Endlich kommt alles raus. Als Gerhard Schröder sich im Sommer vergangenen Jahres an die Spitze einer Bewegung stellte, die den amerikanischen Irak-Kriegsplänen ein markantes Nein entgegendonnerte, ahnte er nicht, dass ihn die Laustärke dieser Bewegung einmal übertönen würde. Jetzt ist es soweit. Die Regierung hat ihren Groll längst begraben.

Politiker sind so. Ein gewisses Maß an Gefühlskälte zeichnet sie aus. Ex-RAF-Anwalt Otto Schily versteht sich prächtig mit dem fundamentalchristlichen Dunkelmann John Ashcroft. Auch Peter Struck und Donald Rumsfeld haben ihr Herz füreinander entdeckt. Die Wirtschaftsgeschäfte brummen wie eh und je. Auf allen Ebenen herrscht Eintracht. Als Letzte reichen sich morgen der Kanzler und George W. Bush im New Yorker Waldorf Astoria die Versöhnungshand. Dann wird alles wieder gut. Oder?

Völker reagieren manchmal langsamer als ihre Regierungen. In Deutschland hat die Ablehnung des Irak-Krieges seit dem Irak-Krieg eher noch zugenommen. Wen wundert’s? Europas Einwände waren übergangen, die Welt über die wahren Motive Washingtons getäuscht worden. Nun überfluten verschwörungstheoretische Exegesen über den 11. September den Markt. Jeder Fünfte hält es für möglich, dass die US-Regierung selbst hinter den Anschlägen steckt. Auf Platz Eins der Bestsellerlisten rangiert seit 43 Wochen der derbe Rundumschlag von Michael Moore, „Stupid White Men“.

Dem gescheiterten Aufstand gegen das Bush-Amerika im Vorfeld des Irak-Krieges ist die Entfremdung gefolgt. Sie sitzt tief. Schröder würde all die Dissonanzen gerne vergessen machen, allein sein Volk lässt ihn nicht. Für Bush gilt dasselbe. Die Geister, die er rief, sind ebenfalls erwacht. Das Ansehen der UNO ist in Amerika heute so gering wie nie. Und nur noch 27 Prozent der Amerikaner sehen in Deutschland einen Verbündeten. Da schwingt verletzter Nationalstolz und viel Verachtung mit.

Bush und Schröder mögen sich wieder mögen. Aber die Stimmungen, die sie selbst entfacht haben, mildern die Intensität ihrer Umarmung. Beide wurden für ihre Sturheit gescholten. Jetzt würde ihnen jeder Anschein von Anbiederei verübelt. Als Dirigenten geben sie nur den Takt vor. Die Musik spielt das Orchester.

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