Preis der Tagesspiegel-Leserjuy : Eine tatkräftige Frau

Unsere Leserjury hat entschieden: Der beste Film im Forum ist „Maman Colonelle“.

Carolin Haentjes
Die Tagesspiegel-Leserjury mit ihrem ausgezeichneten Regisseur Dieudo Hamadi.
Die Tagesspiegel-Leserjury mit ihrem ausgezeichneten Regisseur Dieudo Hamadi.Foto: Thilö Rücker/Tagesspiegel

Ein bisschen blass sehen sie aus, nach neun Tagen im Kino. Aber sie lassen sich Zeit bei der Diskussion, die neun Mitglieder der Tagesspiegel-Leserjury. Über zwei Stunden tauschen sie Argumente aus und halten leidenschaftliche Plädoyers, wobei alle zur Wahl stehenden 35 Filme noch einmal Revue passieren, sämtliche Welt- und internationalen Premieren des Forums. Dann fällt die Entscheidung, mit Herz und Verstand. Die große Mehrheit der Jury votiert für den Dokumentarfilm „Maman Colonelle“ des kongolesischen Filmemachers Dieudo Hamadi.

Maman Colonelle beweist, was ein einzelner Mensch gegen Unrecht ausrichten kann

Bei der Preisverleihung der unabhängigen Jurys am Samstagmittag im Hyatt ist der 33-jährige, im kongolesischen Kisangani geborene Regisseur noch da, er hat extra seinen Flug umgebucht. Er freut sich überschwänglich und bedauert es, dass seine Protagonistin nicht da ist: Colonel Honorine Munyole wurde ein Visum für Berlin verwehrt. Der Film, der außerdem den Forum-Preis der Ökumenischen Jury gewinnt, zeigt den Arbeitsalltag der Polizistin. Eine resolute Frau in Uniform, die sich mit ihrer Einheit um missbrauchte, misshandelte Frauen und Kinder kümmert und die Täter verfolgt. Ein winziges Schutzbataillon, Sisyphos-Arbeit. Aber Maman Colonelle beweist, was ein einzelner Mensch gegen das Unrecht ausrichten kann. „Hommage an eine Heldin unserer Tage“, heißt es im Forum-Prospekt.

Dass der Film nicht von außen auf die Betroffenen blickt, war der Jury besonders wichtig

„Maman Colonelle“ zeige, so die Tagesspiegel-Jury, wie Menschen in einer kriegstraumatisierten Gesellschaft weiterleben und wie diese energische Frau sich nicht lähmen lässt vom allgegenwärtigen Elend, sondern tatkräftig Hoffnung weckt für ihr Land und dessen Zukunft. Besonders wichtig ist der Jury, dass „Maman Colonelle“ nicht von außen auf die Betroffenen blickt. Vielmehr lässt Hamadi mit aufmerksamem Blick „die Kamera bezeugen, wie sie gegen die Gewalt an Frauen und Kindern kämpft und auf eindrucksvolle Weise Solidarität organisiert“.

Es ist Hamadis zweiter Langfilm nach „National Diploma“ 2010; seinen dritten, „Back to Kinshasa“ über den zivilen Widerstand junger Leute in der Demokratischen Republik Kongo, hat er fast abgedreht, unter anderem mit Geldern des World Cinema Fund der Berlinale. Gerade Publikumspreise sorgen da für Rückenwind, man darf also hoffen, dass Hamadi nicht zum letzten Mal zur Berlinale eingeladen wurde.

Neun Tage im Dunkeln haben die Jury zusammengeschweißt

Die Leserjury wird ihren Preisträgerfilm am Sonntag noch einmal zeigen. Der Kino-Marathon und die vielen Gespräche haben die neun zusammengeschweißt. „Wir waren vom ersten Tag an ein Superteam“, sagt Jörn Heller schon etwas wehmütig. „Nach kurzer Zeit kannten wir uns gut genug, um vorherzusagen, wem welcher Film gefällt.“ Die Berlinale einmal aus dieser Perspektive zu erleben, „das war eine tolle Erfahrung“, ergänzt Louisa Raspé. Nur Dieudo Hamadi kann am Sonntag leider nicht mehr dabei sein, er musste nun wirklich zurück in sein Land, das einem so nahe kommt in „Maman Colonelle“.

19.2., 19.30 Uhr (AdK), Restkarten

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