Kultur : Preis der Unabhängigkeit

Eklat in Jerusalem: Daniel Barenboim wird in der Knesset ausgezeichnet – und sogar der Staatspräsident protestiert

Charles Landsmann

Daniel Barenboim ist nicht nur ein begnadeter Musiker, sondern auch ein genialer Provokateur. Auf dem politischen Parkett hat der Pianist, Friedensaktivist und Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper dies nun in Jerusaelm erneut unter Beweis gestellt: bei der Verleihung des hoch dotierten WolfPreises, am Sonntagabend in der Knesset.

Chronik eines Skandals: Zunächst betont der gebürtige, in Israel aufgewachsene Argentinier im Parlament, „die Besatzung und Kontrolle eines anderen Volkes“ widerspreche dem von Israels Gründervätern angestrebten Staatsideal Israels: „Wie ist es um die Unabhängigkeit eines Volkes bestellt, wenn der Preis dafür ein Schlag gegen die fundamentalen Rechte eines anderen Volkes ist? Kann das jüdische Volk, dessen Geschichte voller Leiden und Verfolgung ist, gleichgültig sein gegenüber den Rechten und dem Leiden eines benachbarten Volkes? Kann der Staat Israel es sich erlauben, sich einem unrealistischen Traum hinzugeben, der eine ideologische Beendigung des Konfliktes anstrebt, anstatt eine pragmatische, humanitäre, auf sozialer Gerechtigkeit beruhende Lösung herbeizuführen?“ Applaus und Pfiffe im Knesset-Auditorium.

Israels Erziehungsministerin Limor Livnat kocht vor Wut: Barenboim missbrauche die Zeremonie, „um Israel zu attackieren“. Der Maestro widerspricht der Likud-Politikerin: Er greife nicht den Staat an, vielmehr stelle er aufgrund der Unabhängigkeitserklärung Fragen an die Politik der Regierung. Woraufhin Staatspräsident Moshe Katzav betont, Barenboim verdiene nicht nur wegen der „unpassenden“ Ansprache eine Verurteilung, sondern auch dafür, dass er sich nicht für eine frühere Aufführung von Wagner-Musik entschuldigt habe. Barenboims Wagner-Dirigate vor drei Jahren waren von den Rechtsbürgerlichen als „Verletzung der Gefühle von Holocaust-Überlebenden“ kritisiert worden.

Damit nicht genug: Während der Feierstunde hält Menachem Alexenberg, Mitglied der Wolf-Jury, ein Schild hoch, dessen Aufschrift das berüchtigte Torschild von Auschwitz zitiert. „Musik macht frei“, so der Protestslogan des Professors. Knesset-Vorsitzender Reuven Rivlin hatte die Preisverleihung gleich ganz boykottiert.

Barenboim will das Preisgeld in Höhe von 50000 Dollar für die musikalische Erziehung von israelischen und palästinensischen Kindern verwenden. Wie berichtet, hat er gemeinsam mit dem verstorbenen Schriftsteller Edward Said zu diesem Zweck eine Stiftung gegründet. Auf Barenboims umjubeltes Konzert mit dem israelisch-palästinensischen Jugendorchester in Ramallah am letzten Freitag hatte selbst Starkritiker Hanoch Ron, Israels bärbeißiger Zerreißkönig, seine Rezension mit einem Superlativ beschlossen: „Barenboim erhält den renommierten Wolf-Preis. Er ist der größte Musiker unserer Zeit. Er hat ihn verdient.“

Auch dem Namensgeber der seit 1978 an Wissenschaftler und Künstler vergebenen Auszeichnung hätte der Preisträger vermutlich gefallen. Richard Wolf, jüdischer Unternehmer aus Hannover, war vor den Nazis nach Kuba emigriert. Als Sozialist mit Herz und Geld finanzierte er den Aufstand gegen das Batista-Regime: Ohne „Ricardo Lupo“ wäre Fidel Castros Revolution kaum geglückt. Später lebte er mit seiner Frau, einer Konzertpianistien, als kubanischer Botschafter in Israels mondänster Villa im Tel Aviver Nobelvorort Herzlia Pituah. Botschafter blieb er bis zu seinem Lebensende – obwohl Castro die diplomatischen Beziehungen längst gekappt hatte.

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