Kultur : Preis der Zukunft

Warum der Kunstsammler Erich Marx dem Hamburger Bahnhof seinen Warhol verkauft hat

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Herr Marx, Sie haben der Stiftung Preußischer Kulturbesitz bzw. dem Hamburger Bahnhof für 5,5 Millionen Euro ein Warhol-Bild verkauft. Warum? Das Bild hing doch dort ohnehin.

Im Laufe meiner Sammlertätigkeit war zu erkennen, dass der Sammlung eine Bedeutung zuwächst, die es richtig erscheinen ließ, den Bestand zu sichern. Daher gründete ich in den 80er Jahren eine Stiftung, der alle Bilder übereignet wurden. Die Sammlung sollte durch Zukäufe wachsen. Die Mittel wurden von mir privat aufgebracht. Diese Quelle ist im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung dünn geworden und wird nach meinem Tode ganz versiegen. Da es mein Ziel ist, die Sammlung so zu stellen, dass sie auch nach meinem Tod – Heiner Bastian bleibt Kurator – Kunst kaufen kann, musste ich Vorsorge treffen. Das war die Grundidee, die zum Verkauf eines Bildes führte.

Wie kam es zu diesem Warhol-Verkauf?

Es musste ein Bild von einem hohen Wert sein. Dass es gerade der „Big Electric Chair“ war, der verkauft wurde, ist ein Zufall. Das Bild war auf einer Ausstellung in Los Angeles zu sehen und ist dort Sammlern und Museen ins Auge gefallen. Vor allem das Museum of Modern Art war hochinteressiert und bot im Dezember 2002 einen Preis von 5,5 Mio Euro. Viel war dies nicht; das Bild hat heute einen sehr viel höheren Wert. Ich wollte jedoch den „Big Electric Chair“ in der Sammlung Marx behalten und habe der Stiftung Preußischer Kulturbesitz vorgeschlagen, die Arbeit zu kaufen. An der Qualität des Werkes bestand kein Zweifel, der Preis war im Hinblick auf das MoMA-Angebot nicht verhandelbar.

Das heißt, die Verhandlungen laufen schon seit 2002?

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat sich im Hinblick auf ihre Finanznot und die Auswirkungen eines solchen Kaufes auf die anderen Museen sehr schwer getan, dem Vorschlag zuzustimmen, was der lange Verhandlungszeitraum von 2002 bis zum Vertragsabschluss im Dezember 2005 zeigt. Der Kaufpreis fließt mit der Zweckbestimmung „Kauf zeitgenössischer Kunst“ in die Stiftung Sammlung Marx. Ich habe weder direkt noch indirekt einen Vorteil von dieser Aktion. Ich möchte dies ausdrücklich betonen, um auf die immer wieder so schnell, leicht und unbegründet entstehenden Vermutungen, Verdächtigungen und Unterstellungen eine Antwort zu geben.

Sie haben im vergangenen Jahr einen neuen Leihvertrag mit der Stiftung geschlossen, in dem festgelegt wurde, dass bestimmte Werke unveräußerlich sein sollten. Fiel der Warhol nicht auch darunter?

Im Dezember 2005 habe ich einen neuen Leihvertrag abgeschlossen, wonach die Sammlung Marx ein integrierter Bestandteil der Neuen Nationalgalerie ist. Die Vereinbarung ist unbefristet und nur aus wichtigem Grund kündbar. Ferner wurde festgeschrieben, dass der Kern von 41 Bildern mit einem Wert von 150 Millionen Euro nicht verkauft wird. Über den Ankauf des Warhol-Bilds war ich mir mit der Stiftung schon vorher einig, daher taucht es in dieser Liste nicht mehr auf. Ich meine, dass ich damit alles im Rahmen meiner Möglichkeiten getan habe, um der Sammlung eine tragfähige, in die Zukunft reichende Basis zu geben.

Die Fragen stellte Christina Tilmann.

ERICH MARX , 85,

geboren bei Lörrach, betreibt eine Gruppe von Reha-Kliniken in Deutschland. Seine Kunstsammlung hängt seit 1996 im Hamburger Bahnhof in Berlin.

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