Preis unserer Leserjury : Wenn Flüchtlinge selber filmen

So knapp war es noch nie. Mit dem Dokumentarfilm „Flotel Europa“ haben die Juroren unserer Leserjury unter den 31 Weltpremieren des Forums-Programms einen Sieger mit brandaktuellem Thema gewählt

Julia Dettke
Vladimir Tomic bei der Preisverleihung Fotos: Berlinale, Thilo Rückeis
Vladimir Tomic bei der Preisverleihung Fotos: Berlinale, Thilo RückeisThilo Rückeis

So knapp war es noch nie. Als bei der Schlussdiskussion am Ende zwei Favoriten bleiben, versucht die Leserjury es mit schriftlicher Abstimmung: Bitte einen Film nennen, nur einen! Doch als der Gewinner dann mit knappem Ergebnis feststeht, will sich die Stimmung nicht heben. Besser noch einmal diskutieren, abgewägt, argumentieren. Doch lieber der andere. Sicher? Sicher!

Mit dem Dokumentarfilm „Flotel Europa“ von Vladimir Tomic haben die Juroren unter den 31 Weltpremieren des 45. Forums-Programms einen Sieger mit brandaktuellem Thema gewählt: „Das Schicksal von Flüchtlingen ist eine niemals endende dramatische Geschichte, sie reicht bis in die heutige Zeit,“ so ihre Begründung. Der dänischbosnische Regisseur erzählt in „Flotel Europa“ auch seine eigene Geschichte als Flüchtling während des Bosnienkriegs. Als Kind lebte er auf jenem Schiff im Hafen von Kopenhagen, das Menschen wie ihm und seiner Familie Anfang der neunziger Jahre als Unterkunft diente. Dort entstanden Amateurvideos vom Alltag der Bewohner, die Vladimir Tomic zur Grundlage seines Found-Footage-Werks machte.

Zuschauer werden mitgenommen

Aber nicht die politische Relevanz gab den Ausschlag, so die Jury. „Die Verwendung der Videos, die die Menschen damals quasi als Briefe in ihre Heimat schickten, ist auch ästhetisch spannend“, sagt Juliana Vaz. „Die Flüchtlinge nehmen nicht nur ihr Schicksal, sondern auch die Kamera selbst in die Hand“, ergänzt Studentin Rebecka Müsel. Der Zuschauer werde mitgenommen in die Welt eines Flüchtlingsheims, das bezeichnenderweise ,Flotel’ heißt,“ so die Jury-Begründung. „Das Leben der Betroffenen ist genauso im Fluss, wobei sie trotz der schwierigen Verhältnisse den Mut nicht verlieren.“ Der Film vermittle „ein hohes Maß an Authentizität und erzähle mehr über das Leben als so manche raffiniert gestaltete Produktion“.

Boatpeople. Das „Flotel Europa“ in den 90ern in Kopenhagen.
Boatpeople. Das „Flotel Europa“ in den 90ern in Kopenhagen.Thilo Rückeis

Zum Glück ist Tomic noch in der Stadt und kann die Siegerplakette bei der Preisverleihung der unabhängigen Jurys am Samstag im Hyatt persönlich entgegennehmen. Der 1980 in Sarajevo geborene Filmemacher, der an der Royal Danish Academy of Fine Arts und auch bei Harun Farocki studierte, erzählt, dass „Flotel Europa“ etwa 7000 Euro gekostet hat – eine No-Budget-Produktion. Dokumentarfilme drehte er bereits als Kameramann, „Flotel Europa“ ist sein Langfilm-Regiedebüt. Sein nächstes Projekt trägt den Arbeitstitel „Delirium“, auch da wird es um heutige Flüchtlinge in Dänemark gehen. Tomic hofft, dass er die Gelder zusammenbekommt, ein Leserjury-Preis kann da hilfreich sein.

Starke emotionale Reaktionen

Die Jurorinnen Martina Gmerek und Cornelia Schwarte betonen, wie stark der Film sie bewegt habe; die unmittelbare emotionale Reaktion war ein wichtiges Kriterium für sie. Schon während des Festivals hatten die Neun immer wieder diskutiert. Was zählt mehr: Kunst oder Relevanz, Originalität oder Emotionalität? Einig sind sich alle darin, dass ein richtig guter Film einer ist, bei dem man all das vergisst, „der einen einfach hineinsaugt“. Es waren neun Tage wie im Rausch, resümiert der pensionierte Lehrer Andreas Steinmann, ein großer Abenteuerurlaub.

Vorführung des Leserjury-Siegerfilms heute, So, 19 Uhr in der Akademie der Künste am Hanseatenweg. Restkarten.

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