Kultur : Preispoker mit Beethoven

Jörg Königsdorf

Für Daniel Barenboims Beethoven-Zyklus mit der Staatskapelle müssen die Fans tief in die Tasche greifen: Bis zu 105 Mark kosten die Karten im Konzerthaus, das bedeutet einen Top-Zuschlag von 50 Prozent auf die normalen Staatskapellen-Preise. Wofür eigentlich? Die Tatsache allein, dass ein Chefdirigent sein Orchester mit erzkonventionellen Repertoireprogrammen präsentiert, hat keinen Ausnahmecharakter. Außerdem spielt die Staatskapelle bei ihren Auslandstourneen ohnehin kaum etwas anderes als Beethoven und kann die Werke vermutlich im Schlaf. Dass Barenboim nebenbei auch noch als Solist der Beethoven-Klavierkonzerte auftritt, fällt als Rechtfertigungsgrund gleichfalls aus. Denn erstens sind auch bei den normalen Abo-Konzerten der Staatskapelle teure Solisten zu sehen und zweitens ist Barenboim in Berlin seit Jahren am Klavier zum Normalpreis zu erleben. Bleibt der Name Beethoven und die Spekulation, dass es ein internationales Publikum gibt, dass für ein festliches Ereignis ohne störende Modernitäten die happigen Preise hinblättert. Abwarten, ob die Staatsoper mit ihrem Beethoven-Sixpack den Bogen nicht überspannt: Das Kulturtouristenpublikum muss sich zwischen allein drei Quasi-Festivals innerhalb von zwei Monaten entscheiden - die Oster-Festtage mit Kartenpreisen von bis zu 490 Mark sind gerade vorüber, mit dem Mozartfest zu Pfingsten naht schon die nächste Geldbeutel-Attacke des chronisch schuldengeplagten Hauses.

Der als Luxusartikel ausgepreiste Staatskapellen-Beethoven steht freilich in seltsamem Kontrast zur zeitgleich erschienenen Sinfonien-Gesamtaufnahme bei Barenboims Exklusiv-Firma Teldec. Die wird nämlich zum Dumping-Preis auf den Markt geworfen und kostet weniger als eine einzige Konzertkarte der teuersten Kategorie. Ein Faktum, das den Klassik-Propheten zur bestätigung ihrer Lieblingsthese dienen könnte. Der CD-Markt orakelt es seit langem, steht vor dem Zusammenbruch, der Trend geht wieder zurück zum Erlebnis Live-Konzert. Denn diejenigen, die Beethoven wollen, haben meist schon mehrere maßstäbliche Gesamtaufnahmen zu Hause herumstehen und werden ihr Geld lieber in ein Konzert als in eine weitere Tonkonserve investieren. Dennoch ist die willkürliche Preiserhöhung natürlich vermessen, selbst ein normales Serienkonzert der Philharmoniker kostet in der teuersten Platzkategorie nur 86 Mark, das Deutsche Symphonie-Orchester, das sich mit der Staatskapelle um den Platz des zweitbesten Orchesters der Stadt balgt, verlangt sogar nur 56 Mark. Die relativ günstigen Eintrittskarten sind freilich auch ein wesentlicher Grund dafür, dass auswärtige Orchester nur ausnahmsweise in Berlin vorbeischauen: Denn in den letzten Jahren fanden sich immer weniger Besucher, die bereit waren, die höheren Gastspielpreise zu bezahlen. Nur die absolute Orchester-Spitzenklasse kann die Philharmonie noch füllen. Ob das Russische Staatliche Sinfonieorchester mit dem Dirigier-Vetrean Gennadi Roshdestwvensky zu diesen Top-Formationen gehört oder sein spannendes Schostakowitsch-(zehnte Sinfonie) und Prokofjew-(zweites Violinkonzert) Programm vor halbleeren Rängen spielen muss, wird sich am 9. Mai zeigen. Immerhin, der teuerste Platz bei diesem Konzert kostet nur fünf Mark mehr als beim zeitgleich im Konzerthaus beginnenden Barenboim-Beethoven. Und das ist wiederum fast gar kein Geld.Aus der Serie "Sotto voce"

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