Preisrede Alfred- Kerr-Darstellerpreis : Der Mut zum Gefühl und die Kraft zur Tragik

Michael Wächter vom Theater Basel bekommt den Alfred-Kerr-Darstellerpreis. Eine Laudatio der Schauspielerin Imogen Kogge.

Imogen Kogge
Atemberaubend, rasend. Michael Wächter und Imogen Kogge.
Atemberaubend, rasend. Michael Wächter und Imogen Kogge.Foto: Gambarini/dpa

Sie hat an der Schaubühne bei Peter Stein, Andrea Breth, Klaus Michael Grüber gespielt. Sie war TV-Kommissarin im „Polizeiruf 110“ und in Filmen von Andreas Dresen und Hans-Christian Schmid zu sehen. Imogen Kogge war dieses Jahr Jurorin des Alfred-Kerr-Darstellerpreises. Die Auszeichnung – mit 5000 Euro dotiert – wird vom Tagesspiegel mitgetragen. Michael Wächter, geboren 1986 in Leipzig, ist Ensemblemitglied am Theater Basel. Er erhält den Preis für seine Rolle in Simon Stones „Drei Schwestern“ – und eilt vor Ende der Zeremonie am Sonntag im Haus der Festspiele zurück zum Flughafen, um die Abendvorstellung in Basel zu erreichen. Er hat den Empfang und den launigen Kerr-Text von Moritz Rinke verpasst, den Ulrich Matthes und Gerd Wameling vortrugen.

Zur Jurorin des Alfred-Kerr-Nachwuchspreises berufen zu werden, ist für sich genommen auch eine Auszeichnung. Es ist eine besondere Herausforderung, die Verantwortung für so eine Entscheidung ganz allein zu tragen.

Was dabei von mir erwartet wurde, war klar: eine junge künstlerische Persönlichkeit zu entdecken, deren schauspielerisches Potenzial an einem der zehn oder letztlich acht Theaterabende in besonderer Weise aufleuchtet. Fast alle Produktionen, die zum Theatertreffen eingeladen wurden, waren künstlerisch hoch ambitioniert, ehrgeizig, mit hohem technischen Aufwand, mit viel Spielkraft und körperlichem Einsatz.

Was kaum eine der Produktionen aus meiner Sicht zugelassen hat oder zulassen wollte, war das Sichtbarmachen schauspielerischer Persönlichkeiten. Man muss das nicht bedauern, ich tue es aber. Ich habe es vermisst. Die Qualität im erst mal wertfreien Sinn der meisten Inszenierungen bestand in der Abbildung des Zerfalls unserer Welt in eine Flut von Informationen. Sie erzeugen einen gleichförmigen Aufmerksamkeitsteppich und beschreiben damit tatsächlich etwas, das wir als Realität wahrnehmen. Die Aufgabe der Kunst bestand aber meiner Auffassung nach noch nie in der schieren Abbildung, dessen, was an Eindrücken auf uns zukommt, sondern in einer Auswahl, einer Verdichtung und Verwandlung.

Der Fokus ist für mich ausschlaggebend, nicht sich gegenüber dem Verlust des Fokus geschlagen zu geben. Trotzdem bin ich erst als Zuschauer und dann auch als Jurorin fündig geworden. Es gab einige Arbeiten, von denen ich mich gerne und mit Haut und Haaren habe verführen lassen. Die eine, bei der ich meinen Kandidaten als Talent und Versprechen habe erblühen sehen, hat unsere Aufmerksamkeit zuerst auch mit einer Fülle gleichzeitiger Ereignisse geflutet. Aber langsam und mit gnadenloser Konsequenz entwickelten sich vor unseren Augen Biografien, Vorgeschichten, Verknüpfungen, und wir konnten wieder sehen und erleben, was Theater kann.

Gemeinsam mit seinem großartigen Ensemble erzählt uns Simon Stone die Geschichte der „Drei Schwestern“. Er hat für seine Basler Inszenierung eine dichte Fassung geschrieben, die überrascht, weil sie ein uns allen sehr vertrautes, für viele geliebtes Stück radikal in unsere Zeit zu holen schafft. Dennoch ist er in der Erzählung nah am Original geblieben und bringt kongenial die Probleme, die Verzweiflung, die Hoffnungslosigkeit der Figuren, aber auch ihren Wunsch nach Erneuerung und tätiger Gestaltung der Welt in eine zeitgenössische Form.

Und dazu dieses Ensemble! Sie reißen uns mit durch Genauigkeit und ein Miteinanderspielen, Mut zur Emotion, zur Lächerlichkeit, zur Tragik, non stop in vielen Ebenen und ohne ein Gramm falsches Pathos – am liebsten würde ich euch alle auszeichnen. Und das tue ich auch, bravo, ihr wart Spitze. Da der Preis aber an einen alleine gehen muss, habe ich mich für einen Kollegen entschieden, der mich in seiner geradezu rasenden Rollenentfaltung durch die Geschichte des Abends getragen hat. Er vermag seinen großen Schmerz und seine Verzweiflung ins Extreme zu jagen, in der Wut über seine Ohnmacht sich zu betäuben, im Rausch, in Angeberei, in unangenehmste Selbstauflösung, nur um das aus- und durchzuhalten, was längst Gewissheit ist: seinen Lebens- und Liebesentwurf gescheitert zu sehen. Das war auch für mich fast nicht auszuhalten.

Ich fürchtete um diesen Menschen Theodor, der von selbstzerstörerischer extrovertierter Aggression und unterdrückter Wut schier um den Verstand gebracht wurde. Und dann immer wieder kurze Momente des Stillstandes. Das hilflose Zusehen bei einer Katastrophe, deren zentraler Bestandteil er selbst ist, alleine dadurch, dass er ist, dass es ihn gibt. Das war atemberaubend.

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