Preisverleihung der „Ambassador of Conscience“-Awards : Stimmen der Freiheit

Sie kämpfen für Freiheit, Selbstbestimmung und Meinungsfreiheit. Amnesty International ehrt Menschen, die ihr Leben dem Kampf gegen Unterdrückung gewidmet haben. Unter den Gewinnern waren auch Joan Baez und Ai Weiwei.

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Herz und Solidarität. Joan Baez (r.) tritt bei der Verleihung der „Ambassador of Conscience“-Awards in Berlin gemeinsam mit Ensaf Haidar auf, der Ehefrau des inhaftierten saudiarabischen Bloggers Rauf Badawi.
Herz und Solidarität. Joan Baez (r.) tritt bei der Verleihung der „Ambassador of Conscience“-Awards in Berlin gemeinsam mit Ensaf...Foto: Geisler-Fotopress/Frederic

Die beiden Musikerinnen sind nur fünf Jahre auseinander. Joan Baez wurde 1941 in Staten Island, New York, geboren. Patti Smith, Jahrgang 1946, wuchs in New Jersey auf. Sonst aber, sollte man denken, verbindet sie herzlich wenig – die Königin des politischen Folk und die Schamanin des poetisch-orgiastischen Rock’n’Rolls. Aber großer Irrtum: Patti Smith hat zu den „Ambassador of Conscience“-Awards eine so bewegende, kristallklar formulierte, hymnische Laudatio auf Joan Baez gehalten, dass ihr selbst die Tränen kamen und sie vor Rührung stockte. Nicht nur sie. Es war ein Moment bei der Zeremonie im Haus der Festspiele, der bleibt. Der Preis wurde (zum achten Mal) von Amnesty International verliehen, zum ersten Mal in Berlin. Und wer das Klima hier ein wenig kennt, wird sagen: So viel Empathie war selten in der Stadt, die sich gern cool bis zynisch gibt.

Dann steht plötzlich der fünfjährige Sohn von Ai Weiwei auf der Bühne

Ein Preis für das „Gewissen“. Das kann man zwar als solches nicht auszeichnen, aber die Haltung. Die Tat. Joan Baez marschierte mit Martin Luther King einst nach Washington, sie hat sich in unzähligen Kampagnen engagiert und gehörte zu den ersten Amnesty-Aktivisten in den USA. Für Patti Smith war sie damals „our dark butterfly“, was wie ein Selbstporträt klingt. Unsere „Joan of Arc“. Das Vorbild für junge Frauen, die in der Nachkriegswohlstandsgesellschaft nicht zu politischer und schon gar nicht zu sexueller Selbstbestimmung erzogen wurden. Joan Baez, sagt Patti Smith, war einfach da. Hat getan, was zu tun war. Mögen die künstlerischen Wege auch unterschiedlich verlaufen sein: Joan Baez hat Patti Smith viel gegeben. Da wurde von einer künstlerisch wie politisch treibenden Generation eine starke Energie weitergereicht, was dann auch für Patti Smith gilt. Sie erst recht war eine große Befreierin, als sie einst „Gloria“ intonierte: „Jesus died for somebody’s sins but not mine.“

Ein langer Abend für Freiheit und Zivilcourage, in englischer Sprache, mit vielen Musikern und Gästen, durchgestylt und durchorganisiert, wie Amerikaner eben ihre Awards zur Show machen. Für die gute Sache muss man die Gefühle erreichen. Ai Weiwei, der andere Preisträger, durfte nicht kommen. Die chinesischen Behörden verweigern ihm den Pass. Seine Lebensgefährtin und sein fünfjähriger Sohn sind in Berlin im Exil. Da steht plötzlich der kleine Junge auf der Bühne und sagt ein paar traurige Worte, überragt von der Glasskulptur des „Ambassador of Conscience“-Award. Der Auftritt des Kindes hat manchen Besucher im voll besetzten Haus irritiert.

Sein Vater darf China nicht verlassen: Der fünfjährige Sohn von Ai Weiwei lebt im Berliner Exil und tritt bei der Verleihung des Amnesty Awards auf.
Sein Vater darf China nicht verlassen: Der fünfjährige Sohn von Ai Weiwei lebt im Berliner Exil und tritt bei der Verleihung des...Foto: DIG

Der geehrte Ai Weiwei ehrt jene, "die sich in weitaus schlimmeren Situationen befinden"

Für Ai Weiwei nimmt Chris Dercon, Direktor der Tate Modern London und designierter Chef der Berliner Volksbühne, den Preis entgegen. Dercon, ein enger Freund des Künstlers, sagt: „Ai Weiweis schwierige Situation und die Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit sind kein Einzelfall. Vielen anderen Aktivisten, Dissidenten und Anwälten in China geht es ähnlich. Dem Anwalt Pu Zhiqiang, der auch schon Ai Weiwei verteidigt hat, drohen vermutlich acht Jahre Haft.“ Ai Weiwei hat ihm für den Abend mitgegeben: „Diese Auszeichnung gebührt denjenigen, die ihr Leben für eine bessere Gesellschaft, für die Meinungsfreiheit opfern. Ich erhalte die Auszeichnung stellvertretend für sie. Es gibt so viele Menschen, die sich in weitaus schlimmeren Situationen befinden als ich.“

Der Name des Preises entspringt einem Gedicht des Nobelpreisträgers Seamus Heany, „From the Republic of Conscience.“ Es erzählt von der Schwere der Aufgabe und der Einsamkeit, wenn ein Mensch sich für seine Werte einsetzt und bereit ist, dafür einzustehen, zu bezahlen. Ein flirrender Kontrast dazu kommt mit einem anderen berühmten Iren auf die Bühne, Samuel Beckett. Sein Monolog „Not I“ wird in völliger Dunkelheit von der Schauspielerin Lisa Dwan interpretiert, in einer neuen Londoner Inszenierung von Walter Asmus.

Falls Sie es vergessen haben: Es geht hier um Leben und Tod

„Nicht Ich“ oder doch: Jeder Mensch zählt. Jeder Mensch ist aufgerufen, sich bei Amnesty International zu engagieren. Für Raif Badawi, den Blogger, der in Saudi-Arabien im Gefängnis sitzt, verurteilt zu tausend Stockhieben und zehn Jahren Haft. Sein Anwalt bekam 15 Jahre Gefängnis. Badawis Familie lebt in Kanada. Seine Ehefrau Ensaf Haidar ist nach Berlin gekommen. Sie spricht kurz, kämpft um ihre Worte, Joan Baez legt schützend den Arm um sie. Falls man es zwischendurch bei der einen oder anderen Musiknummer vergessen hat: Es geht hier um Leben und Tod.

Und dann kommen sie alle nach vorn, scharen sich um Joan Baez und singen Bob Dylans „I Shall Be Released“. Wer für Amnesty kämpft, braucht einen starken Glauben.



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