Kultur : Prekariat der Gefühle

Im Kreise der Lieben: Die Hofer Filmtage feiern 40. Geburtstag und stürzen sich ins Familienchaos

Christiane Peitz

Aki Kaurismäki schlägt mit der Hand aufs Mikrofon. Trommelt einen kleinen Rhythmus im Stucksaal der Tanzschule Swing, für seine Freunde von der Produktionsfirma Pandora, die in Hof ihren 25. Geburtstag feiert. Kaurismäki macht Musik – und niemand hört zu. Gegen den Lautstärkepegel bei der Filmtage-Party hat der melancholische Finne mit der sanften Bärenstimme keine Chance.

So ist das bei Familienfesten. Man feiert nach Kräften – und ignoriert einander auf traditionell unbekümmerte Weise. Und sSo viel Familie war noch nie wie beim 40. Jubiläums-Jahrgang der Filmtage, dem Klassentreffen der Hof-Veteranen und aller, die seit den wilden Sechzigern nach ihnen kamen. Wim Wenders plaudert mit Detlev Buck, Dominik Graf diskutiert mit Christian Petzold, und Christoph Schlingensief hält eine derart temporeiche Laudatio auf Alexander Kluge, dass letzterer meint, der Christoph habe jetzt gerattert wie ein Projektor.

Auch die Filme selbst – Debüts, Hochschul-Abschlussarbeiten, TV-(Ko-)Produktionen – stürzen sich ins Familienleben. Während die Helden im letzten Hof-Jahr passend zu Hartz IV vornehmlich Arbeitslose und Ich-AGler waren, zeichnen sie sich diesmal als Familien-Mitglieder aus. Das passt zur Demografie- und zur Eva-Herman-Debatte. Kleiner Auszug aus dem Filmtage-Programm: „Zwei Frauen“, „Three Mothers“, „Vier Töchter“, „Rabenbrüder“, „Schwesterherz“, „Bumm! Deine Familie, dein Schlachtfeld“. Dem sozialen Prekariat folgt das Prekariat der Gefühle.

Eine alte Wahrheit: Das Kino bewahrt auf, was verloren geht. Je weniger Familien in Deutschland gegründet werden, desto mehr entdecken die Filmemacher den Familienstoff. Zwei Szenen wiederholten sich in Hof: die Ultraschall-Aufnahme vom Baby im Bauch, gefolgt vom Abtreibungs-Dialog (Hast du schon einen Termin? Ich begleite dich gern). Und das schnelle Werktags-Frühstück im Kreise der Lieben voller gut gemeinter falscher Sätze. Familie in spe, Familie verkehrt.

Hof 2006 ist folgliche auch ein Jahrgang der Frauen, genauer: der Karrierefrau (siehe auch S. 31). Der Mann ist eine Schwächling, also schmeißt die berufstätige Mutter den Laden alleine, vermag es aber nicht, sich um den Nachwuchs nicht nur alltags-praktisch, sondern von ganzem Herzen zu kümmern. Bis die Heldin dank einer mittleren Tragödie (Autocrash, Selbstmordversuch, Oma im Koma) doch noch zum Menschen wird.

Zum Beispiel Dagmar Manzel in Rainer Kaufmanns „Vier Töchter“. Der Gatte der Immobilien-Maklerin geht fremd, die Töchter schlagen sich mit Kinderwünschen oder unfreiwilligen Schwangerschaften herum, und für Mutti bedeutet das alles nur Stress. Bis die verheimlichte vierte Tochter aufkreuzt und den Frauenhaushalt mit kleinen Guerilla-Aktionen in Ordnung bringt. Oder Nina Hoss in der Psycho-Elegie „Leben mit Hannah“. Unfähig, sich um die halbwüchsige Tochter zu kümmern, holt ihre wilde Vergangenheit sie ein, in Gestalt der Jugendliebe aus Berlin. Hannah fährt mit Tochter in eben jene Vergangenheit zurück, auf dass sie lernt, ihrer Verantwortung für das Kind gerecht zu werden. Oder Heike Makatsch in „Schwesterherz“. Knallharte Pop-Agentin macht Urlaub mit kleiner, herzensguter Rehaugen-Schwester, zerstört alles, was ihr kostbar ist, bis ein Unfall der Kleinen die Große zur Raison ruft. Das Drehbuch zu Ed Herzogs Film haben Heike Makatsch und Johanna Adorjan geschrieben, und sie gönnen dem eigenen Geschlecht rein gar nichts. Merke: Eine Erfolgsfrau hat ein kaltes Herz und schlechte Manieren, wenn sie mal Sex hat, ist der garantiert auch schlecht. So eine möge bitte selbst Leid erfahren, also muss ein dramaturgischer Gewaltakt her.

Die Ära der „Hurra, der Herr hat ein Gefühl“-Filme ist vorbei. Nun sind es die Frauen, die das Kino Mores und Weiblichkeit lehrt. Ihr habt uns nicht genug geliebt, schimpft die jüngere Generation. Nichts gegen das Thema, das die jetzige Generation der Familiengründer ja in der Tat umtreibt. Nichts gegen das Unbehagen an einem auschließlich erfolgsorientierten Lebensplan. Aber es steckt ein konservativer Zug in den Rabenmutter-Anklagen und Entweder-Kind-oderKarriere-Stories. Filme machen heißt, die Bedingungen zeigen, unter denen Herzen erkalten. Diese Filme jedoch strafen sie ab und verkennen die politische Dimension ihres Sujets. Alles so privat hier: Wenn jemand schuld ist am Versagen der Mütter, dann ist es die Oma – noch eine lieblose Frau.

Aki Kaurismäki sitzt im Gasthof Strauss, er sagt, die Welt ist eine Hölle und das Kino ist tot. Aber seine Stimme wird weich, wenn er von den Verlierern erzählt, denen er seine melancholischen Bilder widmet. Vielleicht ist es das, was man vermisst in diesen deutschen Familienfilmen: Solidarität. Der Debütfilm „Neandertal“ bringt sie immerhin auf. Ein Teenie leidet an Neurodermitis, weil in seiner vermeintlich intakten Familie alles im Argen liegt. Entfremdung, Ehebruch, Alkoholismus, Provinzenge im Städtchen Neandertal, das ganze Programm. Aber die Regisseure Ingo Haeb und Jan-Christoph Glaser verteufeln die Eltern nicht und verzichten auf das Selbstmitleid einer sich vernachlässigt fühlenden Generation. Vielmehr komponieren sie präzise Bilder für die Krankheit Familie. Neurodermitis: die blutige, schrundige Haut, raue Oberflächen, das Unkraut am Garagentor wird gnadenlos weggebrannt. Es ist, als hätten die Bilder selbst die Krätze, als scheuerten sie sich wund an der Wirklichkeit. Ästhetik der Empathie.

Alain Gsponers Familienburleske „Bumm!“ entwickelt eine Dramaturgie der Empathie. Der Vater (Ulrich Noethen) verliert seinen hochbezahlten Job als Risikomanager und tobt sich mit Renovierungsaktionen im Eigenheim aus: Pappa ante portas in Zeiten der Globalisierung. Mutter (Katja Riemann) macht als Galeristin in zeitgenössischer Kunst, der ältere Sohn erlebt beim Bund sein schwules Coming out, der Jüngere bastelt kleine Bomben, mit denen er Vogelhäuschen in die Luft jagt. Eine Katastrophen-Familie. Aber Alain Gsponer sympathisiert mit ihr. Katja Riemann ist ein toughes Muttermonster, man mag sie, schon wegen ihrer coolen Sprüche. Und Ulrich Noethen ist als Versager von Vater rührend komisch dabei. Und die Kids helfen sich selbst.

Am Ende schläft die Familie vor den rauchenden Trümmern des Bungalows, im Vorgarten auf Sessel und Sofa. Das ist besser als Eva Herman: Man schlägt sich, man scheitert aneinander – und überlebt im Chaos unter freiem Himmel.

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