Kultur : Prellbock Amerika

Robert von Rimscha

Schon der Ort hatte Symbolkraft. Ein Wirtshaus in Kreuzberg: Für das ehrwürdige Aspen-Institut kaum die typische Arena eines Intellektuellen-Duells. Für eine Debatte über den "gerechten Krieg" aber ist Kreuzberg die Höhle des Löwen. Im Urkiez des Anarchismus, Pazifismus und schwäbischen Post-Pietismus also, wo mehr Grün als CDU gewählt wird, verteidigten zwei US-Denker - ungestört! - ihre Streitschrift "Wofür wir kämpfen", die moralische Rechtfertigung des Kriegs gegen den Terror.

Amitai Etzioni, der kommunitaristische Soziologe, ist einer der prominentesten Unterzeichner des Aufrufs vom Februar; David Blankenhorn, Leiter des "Instituts für amerikanische Werte", war der Organisator des Projekts. Jeff Gedmin, der neue Aspen-Chef, hatte die Bühne bereitet. Für ihn und sein Institut ein Wagnis - und ein Erfolg, denn plötzlich ist Aspen ins Zentrum kontroverser Debatten gerückt.

Etzioni hat einem Argumentationsstrang nichts entgegenzusetzen. Radikalpazifisten, die jede Gewalt ablehnen, können seiner Begründung eines "gerechten Krieges" logischerweise nicht folgen. Etzioni wollte über die Kriterien debattieren, die er und die Mit-Unterzeichner vorschlagen: Dass sich aus dem Recht zur Selbstverteidigung die Pflicht zum Schutz Wehrloser ergeben kann und welche Regeln für solche Waffengänge gelten. Die Zuschauerschaft indes wollte nicht über Regeln für Kriege diskutieren, sondern den Verdacht überprüfen, da schwinge sich Amerikas Geisteselite zu moralisch-aggressiver Absolutheit auf.

Der FU-Politologe Krippendorf nahm den Fehdehandschuh auf. Schlicht zynisch sei es, den Kampf gegen bin Laden als gerecht zu bezeichnen, wo doch die USA die Taliban als Instrument gegen die Sowjet-Besatzung erst geschaffen hätten. Über die wahren Hintergründe des 11. Septembers wisse die Welt viel zu wenig; und Denkern komme doch die Rolle zu, Maßstäbe zur Kritik an Regierungen zu entwickeln, nicht aber, diese zu verteidigen.

Magenkrämpfe für Historiker

Auch der Geschichtswissenschaftler Kocka, obgleich dem Aufruf wesentlich gewogener, rügte die apologetischen Elemente und die "unhistorische" Argumentation. "Gerecht" ist ein Kriterium, das Historikern Magenkrämpfe bereitet, sind sie doch auf die Relativität und Komplexität von Motivationen hin orientiert.

"Ich würde gern wissen, auf welchem Planeten Sie eigentlich leben", rief Blankenhorn Krippendorf zu. Für das mehr als latente Misstrauen gegen Amerika, seine Regierung und seine Informationspolitik hat er kein Verständnis. Auch Etzioni reagierte scharf: Denker sollen denken, allein das ist ihr Job, und wenn sich daraus Kritik ergibt, gut, aber ein Verbot der Übereinstimmung mit Regierungshandeln könne doch schwerlich die Definition von intellektuellem Handeln sein. "Ich schäme mich nicht, eine Regierung zu loben, die Afghanistans Frauen von den Taliban befreit."

Bitteren Spott goss Etzioni über ökonomischen Deterministen aus, die glauben, Armut und Ungerechtigkeit seien die Geburtshelfer des Terrors. "Das ist eine Beleidigung für die Armen, und eine Beleidigung der Terroristen", rief Etzioni. In einem Punkt gab der Star-Soziologe seinen Kritikern recht. Die Dimension des internationalen Rechts und der Welt-Gremien wie der UN ist im "Gerechter Krieg"-Aufruf unterbeleuchtet. In einer Fussnote des Papiers wird jedes Gewaltmonopol der Weltorganisation brüsk beiseite gewischt. Etzioni begründete dies mit dem Umstand, dass die kraftvolle UN mehr Fiktion als Realität sei. Gegenwärtig gelte, dass eine gerechte Sache nicht dadurch gerechter werde, dass ein Gremium zustimme, in dem haufenweise Diktatoren und Diebe vorgäben, ihre Völker zu vertreten.

Probleme der Wortwahl

Klar wurde am Mittwoch Abend, wie sehr der Zwang zum Handeln das amerikanische Denken bestimmt. War Washingtons Bund mit dem Satan Stalin richtig, um den Höllenhund Hitler zu vertreiben? Warum unternahm Europa nichts in Ruanda, warum Amerika? Hat der Sudan das Recht, den "gerechten Krieg" gegen die USA auszurufen, weil Bill Clinton die falschen Ziele bombardierte? So theoretisch das Manifest auch ist, sein Zweck ist praktisch. Da - und in der Wortwahl voller "Feind" und "Krieg" - fängt das europäische Verständnisproblem an.

Etzioni war es, der eine zweite Ebene einzog. Braucht Europa Amerika nicht als Prellbock? "Europa genießt den Luxus, passiv zu sein", meinte Etzioni. Amerika ist auch die Folie europäischer Komplexe geworden; und auf zweierlei höchst widersprüchliche Weise lassen sich diese bedienen. Greift Amerika ein, zeigt es Stärke, ist es die arrogante Hypermacht, der rücksichtslose Interessendurchsetzer. Schweigt Amerika, wie in Ruanda, oder entzieht es sich, wie beim Welt-Strafgerichtshof, ist es die selbstverliebte, verantwortungslose, isolationistische Nation. In beiden Fällen ist Amerika vor allem: selbstgerecht. Zumindest muss Europa es so sehen, denn es bezieht sein gekränktes Selbstbild mehr und mehr aus der Abgrenzung gegenüber den USA.

Die Diskussion wurde am Donnerstag in anderem Rahmen fortgesetzt. Auf Einladung des Bundespräsidenten, des Hauses der Kulturen der Welt und des Holtzbrinck-Veranstaltungsforums debattierten Etzioni und Denker aus der ganzen Welt im Schloss Bellevue weiter, diesmal unter dem allumfassenden Titel: "Religion, Kultur, Nation und Verfassung - Multiple Identitäten in modernen Gesellschaften".

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