Premiere am Deutschen Theater: "Aus der Zeit fallen" : Im Netz der Erinnerung

In seinem Buch „Aus der Zeit fallen“ hat der israelische Autor David Grossman den Tod seines Sohnes im Libanonkrieg benannt - und auch bewältigt. Andreas Kriegenburg geht jetzt am Deutschen Theater das Wagnis ein, den Text auf die Bühne zu bringen.

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Ringen mit Worten. Bernd Moss als Chronist (l.) und Jörg Pose als Zentaur.
Ringen mit Worten. Bernd Moss als Chronist (l.) und Jörg Pose als Zentaur.Foto: Arno Declair

Wenn es keine Worte mehr gibt, herrscht Leere. Ein unerträglicher Zustand für einen Schriftsteller wie David Grossman, der sich die Welt durch genaue Beschreibung aneignet. Als 2006 sein Sohn Uri im Libanonkrieg getötet wurde, sprangen den israelischen Autor aus ungezählten Kondolenzbriefen nur die Floskeln an. Die bleierne Sprachlosigkeit. Grossman empfand dieses Beileidsversagen der Menschen um ihn herum als verletzend, wie er in Interviews bekundet hat. Für ihn war klar, dass er das Trauerexil, in das er sich verbannt fühlte, wenigstens kartografieren musste. Woraus das Buch „Aus der Zeit fallen“ entstanden ist. Ein Requiem, eine Tragödie, eine Totenklage. Grossman benennt und, ja, bewältigt darin die Erfahrung des Verlustes und der Hilflosigkeit. Er verteidigt das Leben gegen den Bruch eines Naturgesetzes. Schließlich sollen doch die Eltern vor den Kindern sterben.

Diesen Text auf die Bühne zu bringen, ist ein Wagnis. Weil er das genaue Hinhören und den langen Atem verlangt, weil er zu Pathos und falscher Lesart verführen kann. Andreas Kriegenburg unternimmt am Deutschen Theater den Versuch – und scheitert nicht. Das ist schon viel.

Die Bühne von Olga Vintosa Quintana ist ein mit wallendem Schwarz ausgekleideter Unort, an dem sich anfänglich Kerzenlichter in den Himmel erheben und ein namenloses Paar das mehrjährige Schweigen bricht. „Mehr als nach meiner eigenen habe ich mich nach deiner Stimme gesehnt“, sagt der Mann. Matthias Neukirch spielt den Erwachenden, der zum Entsetzen seiner Frau „zu ihm“ gehen will, „nach dort“. Zum toten Sohn. Zu jenem utopischen Raum, wo Tod und Leben sich begegnen. Neukirch trifft als Aufbruchsbereiter von der ersten Silbe an einen ungekünstelten, fragilen Ton, der einem die Vorgeschichte naheholt, ohne sie zu erzählen. Wohingegen Katrin Klein ihre Mutterklage aus bebend gravitätischer Tiefe aufsteigen lässt. Da scheint schon der schmale Grat auf, den dieser dreieinhalbstündige Abend zu bewältigen hat.

Das Problem beginnt ja bereits bei der Übersetzung. Anne Birkenhauer, die Grossmans Werk aus dem Hebräischen übertragen hat, beschreibt im Nachwort des Buches ausführlich die Schwierigkeiten, mit denen sie zu ringen hatte. Grossman arbeitet viel mit fragmentierten Sätzen, für die sie eine ganz eigene Form finden musste. Was gerade in den ersten Passagen sperrig bleibt, wo „Dunkelstille“, „Lichtkreis“ und „Wahnauge“ zwischen Poesie und Schwulst oszillieren.

Grossman hat sich gewünscht, dass Kriegenburg bloß keine falsche Demut zeigt

Auch die Figuren, die Grossman unter Bezug auf Altes Testament, Mythos, Märchen und Antike schafft, entziehen sich dem leichten Zugriff, müssen fremd bleiben. Ein Zentaur (Jörg Pose) ringt am Schreibtisch mit Worten und rotzt die Obszönität jeder Leidbeschau aufs Papier: „Was ist erregender als die Hölle der anderen?“ Ein greiser Rechenlehrer (Markwart Müller-Elmau) findet keine Formel, um den Tod des Sohnes zu bewältigen, den er geschlagen hat. Eine Frau im Netz (Barbara Heynen) und eine stotternde Hebamme (Janina Sachau) scheinen irre geworden auf ihrer Insel der Verbannung. Sämtlich sind sie Versprengte, Versehrte, eben: aus der Zeit Gefallene, alle haben sie ein Kind verloren.

Bloß keine falsche Demut! Das hatte sich Grossman ausdrücklich von Regisseur Kriegenburg gewünscht, der ja allein durch die langjährige Beschäftigung mit Dea Loher ein Experte für die Nachtseiten der Existenz ist. Aber oft sind es eben doch sehr plakative, vor dem Text kniende Bilder, die er findet. Wenn seine Spieler in Kästen aus schwarzem Zellophan mit der Isolation hadern. Wenn sie auf Kinderrädern fahren oder in Würfeln verzweifeln, die mit Spielzeug behängt sind. Es lastet erkennbarer Druck auf dieser Uraufführung, die nach Ansicht des Autors in seiner Heimat derzeit nicht möglich wäre. Auch wenn es, wie alle Seiten betonen, kein Stück über Israel ist. Sondern eine universelle Geschichte über den Einbruch der Katastrophe und ihre fatale Wirkmacht.

Erst mit dem Gehen beginnt das Loslassen. Angeführt vom namenlosen Mann setzt sich auf der rotierenden Drehbühne eine Karawane der Schicksalsgefährten in Gang. Die Bewegung – ein zentrales Motiv in Grossmans Werk – verhindert das Versteinern. Immer mehr vertraut auch Kriegenburgs Inszenierung auf den kraftvollen Fluss der Worte, bis sein Ensemble am Ende, nur mit Blättern in der Hand, zu einer ganz puren Wucht findet. Bernd Moss, der den rastlos begleitenden „Chronisten der Stadt“ spielt, spricht fast emotionslos einen Abgesang auf die tote Tochter, der ins Mark trifft. Sich erinnern, ohne daran zugrunde zu gehen – das ist die unfassliche Leistung, die Grossman vollbracht hat. Und davon teilt dieser Abend schließlich viel mit.

wieder 18. und 29.12., weitere Aufführungen im Januar

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