Premiere am Gorki Theater : Finnen schweigen lieber

Ein sprachloser Abend im Gorki-Studio: Michael Schweighöfer inszeniert Kaurismäkis „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“.

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Schon wahr, in den Filmen des Finnen Aki Kaurismäki werden nicht viele Worte gemacht, da bildet „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ keine Ausnahme. Auch leben Kaurismäki-Filme von einer fast schon penetranten Lakonik. Und natürlich, Finnland, das Land, in dem alles zusammenkommt: „Norden und Osten, Depression und Wölfe, Melodramen und Einsamkeit, Wodka und Märchen ...“ So steht es im Programmheft des Gorki-Theaters. Aber muss man deshalb bei einer Theaterfassung des Films die depressiv auf vergammelten Sofas sitzenden Schauspieler gleich anderthalb Stunden lang schweigen lassen?

Michael Schweighöfer inszeniert den Film ohne Worte. Das heißt, manchmal wird etwas geschrien (der wilde Osten!) oder auch gesungen („God is in the house“), und weil es zur melodramatischen Einsamkeit passt, wird auch Musik gespielt. Wolfgang Hosfeld als liebloser Stiefvater spielt Klarinette. Gunnar Teuber bläst als liebloser Liebhaber etwas Trompete. Konstantin Buchholz, dem ein hochtoupiertes Horn vom Kopf ragt, klimpert auf dem Klavier, während Ruth Reinecke als lieblose, vor dem Fernseher sitzende Mutter statt eines Instruments knallrote Lippen trägt, die sich ab und zu gierig um einen Zigarettenfilter schließen.

So staut sich qualvoll die Zeit. Von der Decke des in Puffrot ausgepinselten Studios des Gorki-Theaters hängt eine Schaufensterpuppe. Irgendwann wird sie mit Kawumm herunterfallen. Von rechts wird durch die laut aufknallende Wand ein halbes Auto auf die Spielfläche geschoben. Warum ein halbes? Erstens wegen der Skurrilität und zweitens, weil die Schauspieler an einem halben Auto leichter pantomimische Gags aufführen können. Gunnar Teuber streicht angeberhaft über das Dach des Autos, bis seine Hand plötzlich ins Leere sackt. Lustig. Deshalb wiederholt er die Geste gleich noch drei Mal, während Anne Müller als Mädchen Iris verloren auf dem Beifahrersitz wartet. Im Film ist Iris die traurige Hauptfigur, in der Inszenierung ein überflüssiger Wurmfortsatz, weil die anderen es sich in ihren Gimmicks bequem machen.

Am Anfang lässt sie aus drei Müllsäcken tausende Streichhölzer auf den Boden rieseln (damit man überhaupt weiß, in welcher Geschichte man sich befindet), später entblättert sie einen Kohlkopf (damit man weiß, dass sie als Küchensklave ausgenutzt wird). Zum Schluss wölbt sich unter ihrem Kleid ein Schwangerenbauch (damit weiß man dann, dass sie und Aarne sich irgendwie nahe gekommen sein müssen). Ansonsten steht sie so hilflos wie dieser Abend in der Gegend herum.

Regisseur Michael Schweighöfer, dessen Regietätigkeit hauptsächlich darin bestand, die Schauspieler zu furztrockenen Kalauern zu animieren, ist im Hauptberuf selbst Schauspieler. Auf der Bühne des Deutschen Theaters sieht man ihn entschieden lieber als in der Rolle des Regisseurs.

Wieder am 12. und 26. März sowie am 12. April.

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