Premiere an der Berliner Volksbühne : Schuss, Schuss und Schluss

Berliner Volksbühne: Markus Öhrn beschließt seine Mittelschichtsfamilien-Trilogie mit der Krawall-Oper „Bis zum Tod“.

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Blutzoll? Haushaltsunfall? Elmer Bäck als Mutter in „Bis zum Tod“.
Blutzoll? Haushaltsunfall? Elmer Bäck als Mutter in „Bis zum Tod“.Foto: Christian Kleiner

Draußen vor der Volksbühne versucht die Band „Right Now“ auf dem „Fest der Linken“ das Bierbankpublikum mit Depeche Mode zum Tanzen zu bewegen. Drinnen steht eine Oper auf dem Programm, für die vorsorglich Ohrenstöpsel verteilt werden. Weil sie eine etwas härtere Gangart verspricht als „Just can’t get enough“: Rock on am Rosa-Luxemburg-Platz!

Der Schwede Markus Öhrn tritt vors Publikum, um als gesamtverantwortlicher Regisseur ein paar Ansagen zu machen. Die Show „Bis zum Tod“ beschließt eine Trilogie, die er mit den Gruppen Nya Rampen (Finnland) und Institutet (Schweden-Berlin) erarbeitet hat. Es geht einmal mehr um die weiße westliche Kernfamilie. Man soll sich auf gewisse Abgründe gefasst machen. Und, ach ja, zweieinhalb Stunden ohne Pause, wer zwischendrin aufs Klo muss, bitteschön. Freundliche Schockkünstler sind das.

Die Eingangsszene atmet noch ein gewisses David-Lynch-Flair. Zwei ElektroMusiker spielen am Bühnenrand eine extrem verlangsamte Version des Madness-Hits „Our House“. Dazu wird auf die weiße Hausfassade in der Bühnenmitte das Video einer Fahrt durch die sonnenüberströmte Vorortsiedlung projiziert. Trügerische Idylle, klaro. Bald kristallisieren sich aus den Fenstern der Einfamilienfront (Bühnenbild: Öhrn) die Silhouetten von Vater, Mutter, Kind. Sohnemann reckt eine Pistole in die Höhe, Schuss, Schuss und Schluss. „Ein 13-jähriger Junge verstrickt sich im Kampf um die eigene Identität und die Befreiung seines Denkens in einem düsteren Sog aus Phantasien“, steht auf dem Programmzettel.

„Bis zum Tod“ hat den gleichen hohlen „Der Kapitalismus produziert Perversionen“-Gestus wie die Vorgänger

Öhrn, Institutet und Nya Rampen sind erstmals 2011 aufgefallen, als ihre Arbeit „Conte d’Amour“ auf dem Impulse-Festival ausgezeichnet wurde, eine ausschließlich mit Männern besetzte „Liebesgeschichte“ über emotionale Abhängigkeit und Missbrauch. Man sah einen Typen im Bademantel, der zu den Töchtern in den Keller hinabstieg – der Fall Joseph Fritzl stand dafür Pate. Mit „We love Africa and Africa loves us“ setzten die nordischen Performance-Kollaborateure ihre kleine Horrorshow 2012 fort. Diesmal riss die Fritzl-Sippe schwarz angemalten Puppen die Gliedmaßen aus. Frie Leysen, sonst geschmackssicher, zeigte die Kunstblut- und Kolonialismus-Sause beim „Foreign Affairs“-Festival. „Bis zum Tod“ ist insofern der würdige Abschluss der Trilogie, als der Abend den gleichen hohlen „Der Kapitalismus produziert Perversionen“-Gestus hat wie die Vorgänger.

Der Junge (Anders Carlsson), um den es hier geht, wächst in der Verlogenheit der Familienkonventionen auf. Mutti (Elmer Bäck) ist ein apathischer Putz-Zombie. Vati (Jakob Öhrman) ein Fitness-Jünger, der sich Motivations-Post-its wie „I love my life“ an den Spiegel pinnt. Beide sind blutüberströmt. Weil sie als Repräsentanten eines ausbeuterischen Systems Schuld auf sich geladen haben? Oder sind sie nur bei der Heimarbeit verunfallt? Der Filius jedenfalls sucht Freiheit im Death-Metal, den ein großflächig tatöwierter Gitarrist live im Kinderzimmer spielt (wie immer bei Öhrn & Co. werden Vorgänge im Hausinneren auf die Fassade projiziert). Außerdem verliebt sich der Bub in einen schwulen pädophilen Bibliothekar (Rasmus Slätis), der auch bei Mutti verdrängte Begierden weckt. Am Ende ist er der einzige, der wirklich Kinder liebt.

Das erinnert erstens an die schlechteren Filme von Todd Solondz (alle nach „Happiness“). Und bleibt zweitens provokative Behauptung. Seine Krawall-Oper ohne Sinn und Arie gerät umso lauter und greller, je weniger Öhrn zu sagen hat (danke für die Ohrenstöpsel!). Man sieht: Abziehbilder. Offene Türen. Nicht zu Ende gedachte Erzählstränge. Öhrn hat sich in einem Interview mal enttäuscht über die konventionelle Berliner Theaterlandschaft geäußert. Ursprünglich hätte er angenommen, hier machten alle Theater wie Schlingensief. Hey, go for it! Da waltet ein großes Missverständnis, was Schlingensiefs Kunst betrifft.

Die Volksbühne, die „Bis zum Tod“ mit polnischen Partnern koproduziert hat, setzte das Stück vorsorglich nur zweimal auf den Spielplan. Dann lieber zu Depeche Mode tanzen.

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