Premiere : Bei Harald Schmidt trifft Hitler auf die RAF

Unlängst kündigte Harald Schmidt an, sich aus dem Fernsehen zurück zu ziehen und nur noch am Theater zu arbeiten. Wie sehr ihm das Schauspiel immer noch liegt, zeigte die Premiere seines Stückes "Elvis lebt. Und Schmidt kann es beweisen": Das Publikum feierte den Entertainer mit langen "Zugabe"-Rufen.

Roland Böhm[dpa]
Harald Schmidt
"Die RAF muss an den Broadway." Harald Schmidts Liederabend begeisterte das Stuttgarter Publikum. -Foto: ddp

StuttgartHarald Schmidt liebt dieses Lachen, das seinem Publikum im Halse stecken bleibt. Das die Zuschauer (fast) in Verlegenheit bringt. Bei der Premiere seines Stücks "Elvis lebt. Und Schmidt kann es beweisen" am Freitag in Stuttgart provozierte der TV-Entertainer dieses Lachen am laufenden Band. In Bestform erzählte Schmidt in einem sarkastischen Liederabend seine ganz persönliche Geschichte zum Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) im "Deutschen Herbst" vor 30 Jahren. 800 Zuschauer im ausverkauften Stuttgarter Schauspielhaus dankten es dem Schwaben mit langem Applaus und "Zugabe"-Rufen. "Elvis lebt" ist Teil der umfangreichen Projektwochen "Endstation Stammheim" des Schauspiels Stuttgart zum "Deutschen Herbst" vor 30 Jahren.

Darf man über Terror Witze machen? Schmidt darf. Er legt Hitler als Pflegefall in ein Krankenhausbett und lässt ihm von RAF-Terrorist Baader "Moby Dick" vorlesen. Mit der ihm eigenen Ironie zieht Schmidt in erster Linie die "medialen RAF-Festspiele" der vergangenen Monate durch den Kakao: "Die RAF muss an den Broadway." Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust habe gesagt, wer die RAF verstehen wolle, der müsse (wegen der Decknamen) "Moby Dick" lesen. Niemand sage aber, welches Buch man lesen müsse, wenn man die RAF nicht verstehen wolle.

Schmidt tanzt sogar - ein bisschen

Im Smoking und mit langen grauen Koteletten moderiert Schmidt das selbst konzipierte Stück vor einem hohen, glitzenden Lametta-Vorhang. Er singt auch selbst. Und tanzt - ein bisschen ("Ich gehe voll in die Emotion"). In der bizarren Mischung aus belanglosen Elvis-Songs auf der einen und Biermann-Texten sowie bissigen Kommentaren auf der anderen Seite liefen der 50-Jährige und das Ensemble des Schauspielhauses zur Höchstform auf - und begeisterten das Publikum. Im Schmidtschen Fazit bekommt dann auch seine Heimatstadt und ihr milliardenschweres Bahn-Bauprojekt "Stuttgart 21" ihr Fett weg: "O.K. - bei der RAF war vieles schlecht - aber sie wollte nicht den Stuttgarter Hauptbahnhof unter die Erde bringen."

Das Stück basiert auf einem Elvis-Liederabend, den Schmidt 1977 als junger Schauspielschüler in Stuttgart nach eigenen Angaben an die dreizehn Mal sah. Während also die Stadt wegen der Entführung und Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer und den Selbstmorden der RAF-Anführer im Gefängnis Stuttgart-Stammheim im Zentrum der politischen Aufmerksamkeit stand, suchte Schmidt Entspannung und Wärme bei Elvis im Theater. Zwischen "Tutti Frutti", "Love Me Tender", "Fools Ruch In" und dem unvermeidbaren "Muss i denn..". Alles nach dem Motto: Die Unterhaltung stirbt zuletzt. Für Schmidt schließt sich damit ein Kreis: Er ist zurück am Theater.

Peymann ist "total neidisch"

Geadelt wurde das ungewöhnliche Stück anschließend von Theaterregisseur Claus Peymann, im "Deutschen Herbst" 1977 Schauspielchef in Stuttgart: "Das ist ein tolles Ding. Ich bin total neidisch", sagte Peymann. Schmidt werde es jetzt vermutlich zehn Jahre lang spielen. Der heutige Intendant des Berliner Ensembles hatte Ende der 70er Jahre für Aufsehen gesorgt, als er Spenden für eine Zahnbehandlungen der in Stammheim einsitzenden RAF-Terroristin Gudrun Ensslin sammelte. Harald Schmidt betonte nur, es habe sich um eine Geldspende und nicht um eine Zahnspende gehandelt. "Denn die hat Peymann noch gebraucht - als Reißzähne im Arsch der Mächtigen."

  "Elvis lebt. Und Schmidt kann es beweisen" wird noch die gesamte Spielzeit in Stuttgart gezeigt. Am 21. Oktober ist das Stück auch auf 3sat (21.00 Uhr) und im November mehrfach im ZDF-Theaterkanal zu sehen.

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