Premiere: „Inventar der Ohnmacht“ : Wir sind alle Verlierer

Edit Kaldor erfoscht in „Inventar der Ohnmacht“ das Phänomen Machtlosigkeit – und will den arroganten Blick auf die vermeintlich Hilflosen brechen. Die ungarische Regisseurin eröffnet mit ihrer Performance das Festival „The Power of the Powerless“.

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Im Hebbel-Theater findet das Festival "The Power of the Powerless" statt.
Im Hebbel-Theater findet das Festival "The Power of the Powerless" statt.Foto: imago/Günther Schneider

Eins muss man gleich vorweg akzeptieren: „Es gibt nichts zu gewinnen. Wir sind alle Verlierer, wir werden alle sterben.“ Edit Kaldor wirkt keineswegs betrübt, als sie das sagt. Eher heiter erklärt die Theatermacherin die Ausgangslage ihrer Performance „Inventar der Ohnmacht“, die nach Stationen in Amsterdam und Prag jetzt in Berlin zum existenziellen Erfahrungsaustausch einlädt. Und zwar möglichst unvorbelastet von Wertungen. „Machtlosigkeit“, so Kaldor, „wird reflexhaft negativ konnotiert. Ich halte das für eine falsche Wahrnehmung.“ Selbstverständlich gebe es Situationen extremer Abhängigkeit, des Kontrollverlustes oder Schmerzes, die sich schlimm anfühlten. Aber ganz grundsätzlich sei die Ohnmacht „einfach Teil des Deals“.

Kaldors Performance läuft am HAU im Rahmen des Festivals „The Power of Powerlessness“. Von ihr stammt das Konzept, die Realisierung vor Ort besorgen Franziska Seeberg, Arved Schutze und andere. Dutzende Teilnehmer kommen zusammen, um über ihre persönlichen Erlebnisse zu berichten. Nicht als Therapieangebot. Sondern, um Wissen zu bündeln und mehr zu lernen über die Strukturen der Machtlosigkeit. Statt die Erzählungen nach Schubladen zu sortieren – hier Familienangelegenheiten, dort Diskriminierung – gehe es darum, erläutert Kaldor, Verbindungen herzustellen zwischen den individuellen Erfahrungen. Zum Beispiel: „Was hat der Verlust des Hauses zu tun mit dem Verlust der Urteilsfähigkeit im Zustand der Psychose?“

Klar steht hinter diesem „Inventar der Ohnmacht“ ein politischer Gedanke. Zum einen will die in Budapest geborene Künstlerin den „arroganten Blick“ brechen auf die vermeintlich Hilflosen, die es zu bedauern gelte. Zum anderen sieht sie zunehmend die sozialen Netze reißen, die gesellschaftlichen Gräben sich vergrößern. Die Idee, dass jeder Gewinner sein könne, werde dominanter. „Ich denke, dass dieser neoliberale Wind, der uns treibt, die Analyse von Machtlosigkeit umso notwendiger macht.“

Die Immigrantin, die Obdachlose, die Avantgardistin

Edit Kaldor spricht dabei nie aus der Position der unbeteiligten Forscherin. Ihre eigene Biografie, die nennt sie lächelnd „komplex“. Kaldor stammt aus einer intellektuellen ungarischen Familie. „Wenn ich als Kind das Ende eines Buches nicht mochte, war es selbstverständlich, dass ich meine Großmutter anrufen und bitten konnte: Ich möchte gern den Autor sprechen, ich hätte da ein paar Anmerkungen.“ Als sie 13 Jahre alt war, emigrierte sie mit ihrer Mutter in die USA, wo sich die beiden in einem Flüchtlingslager wiederfanden. Mit 16 ging Kaldor allein nach New York, „manchmal hatte ich nicht mal einen Platz zum Schlafen“. Was sie in den Fokus der sozialen Fürsorgeorganisationen rückte, „die mich davor retten wollten, als Prostituierte zu enden“, lächelt sie. Angesichts ihres Hintergrundes kam ihr das alles reichlich albern vor. Statt zu stranden, besuchte Kaldor als junge Erwachsene die Columbia-Universität, wo viele ihrer Kommilitonen aus sehr reichen Familien kamen. „Ich habe mich in vielen sozialen Schichten bewegt“, bilanziert Kaldor. Definitiv ein reicher und nachhallender Erfahrungsschatz: „Ich bin die Immigrantin, ich bin die Obdachlose, ich bin die Avantgardekünstlerin, alles zugleich“, bringt sie es auf den Punkt.

Die Machtlosigkeit bleibt unüberwunden

Kaldor, die derzeit in Amsterdam lebt, hat sich mit Stücken wie „Point Blank“, „C'est du Chinois“ oder „Woe“ international einen Namen gemacht. Arbeiten, die die Grenzen zwischen sozialer Feldforschung und Theater verwischen. Wie auch das „Inventar“, das als interessanten Nebenaspekt stets auch den Status markiert, den die Machtlosigkeit in der jeweiligen Stadt besitzt. „Im protestantisch geprägten Amsterdam ist die Haltung: Hör auf zu jammern und mach weiter!“, amüsiert sich Kaldor. Eine Erwartung an ihre Arbeit muss sie noch dämpfen: „Ich glaube nicht daran, dass sich Machtlosigkeit im Rahmen einer Performance ein für alle Mal überwinden lässt. Das käme mir doch etwas fragwürdig vor.“

Premiere 5.6., 20 Uhr im HAU1
Weitere Vorstellungen 6.6., 19 Uhr und 7.6., 17 Uhr


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