Premiere : Kreuzberg, Krawall und Kamera

Die vier Regisseure Sven Taddicken, Jakob Ziemnicki, Carsten Ludwig und Jan-Christoph Glaser berichten über ihren Film "Berlin - 1. Mai", der am Freitag Premiere hat.

Matthias Oloew
Erster Mai
Szene aus "Berlin - 1. Mai". -Foto: Promo

Vier Regisseure, drei Geschichten, ein Film: Das ist das Grundgerüst für das Experiment, auf das sich Sven Taddicken, Carsten Ludwig, Jan-Christoph Glaser und Jakob Ziemnicki eingelassen haben. Schlicht „Berlin – 1. Mai“ heißt ihr Film, der heute Premiere hat und die Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ eröffnet. Und es ist der erste Film des diesjährigen Festivals, der Berlin zur Kulisse macht.

Ein Episodenfilm rund um den Krawalltag in Kreuzberg ist es, aber nicht einer, der die Geschichten nur aneinanderreiht. Auch dient der 1. Mai nur als Hintergrund für Handlung. Dass es am Ende tatsächlich geklappt hat, ein geschlossener Spielfilm dabei herausgekommen ist, hängt auch mit dem ungewöhnlichen Entstehungsprozess zusammen, den die Produzenten vorgaben und auf die sich die vier einließen, bevor es losging.

Das Experiment sah so aus: Alle Geschichten sollten am 1. Mai morgens um sechs beginnen und in der darauffolgenden Nacht im Urbankrankenhaus enden. Überschneidungen soll es nicht geben und gibt es auch nicht, sieht man von Hannah Herzsprung ab, die als Punk in zwei Episoden mitmacht. Der Protagonist steht jeweils unter großem Druck und erhofft sich von diesem Tag eine Lösung seiner Probleme. Und, ganz wichtig: Ein Teil der Aufnahmen sollte am originalen Schauplatz zur originalen Zeit entstehen, also auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen zwischen Mariannenplatz und Oranienstraße.

Auch daran haben sich die vier gehalten – mit einer Ausnahme. Jakob Ziemnickis trauriger Held Uwe, ein Polizist aus dem Brandenburgischen mit Eheproblemen, wankt mit einer blutig geschlagenen Nase durch den „schwarzen Block“. „Diese Szenen haben wir am Karneval der Kulturen gedreht“, sagt der Regisseur, „sie am 1. Mai zu drehen hätte vielleicht zu viel Zündstoff bedeutet.“ Die Polizei fürchtete, die Szenen hätten die Situation eskalieren lassen können und empfahl den Karneval. „Da sind die Leute entspannter“, erinnert sich Ziemnicki an die Ratschläge der Ordnungshüter.

Doch auch für die anderen Teams war der Dreh am 1. Mai nicht ohne Risiko. Sie wurden sogar festgesetzt. „Wir standen mit unserer Kamera an der Ankerklause und die Polizei glaubte, wir seien subversiv unterwegs und tarnen das Ganze als Dreharbeiten“, sagt Jan-Christoph Glaser. Von ihm und seinem Partner Carsten Ludwig stammt die Geschichte der beiden Landeier Jacob und Pelle aus dem westfälischen Minden, die als Krawalltouristen nach Berlin kommen.

Und schließlich gibt es noch die Geschichte des zwölfjährigen Yavuz, der sich und seinem großen Bruder beweisen will, dass er groß ist und Anerkennung verdient, wenn er „einen Bullen plattmacht“. Sven Taddicken lässt die Jungen auf den Alt-Linken Harry treffen, der bei sich zu Hause einen Altar gebaut hat aus einem Foto des brennenden „Bolle“ von 1987 und einer Pilsflasche, die er als Trophäe beim Plündern ergattert hat.

Es ist nicht nur diese Einstellung, die deutlich macht, dass die vier Jungregisseure viel Abstand zu dem haben, was sich da am 1. Mai auf den Straßen Kreuzbergs abspielt. Carsten Ludwig, der sich als Ex-Hamburger noch gut erinnert, wie leer das Schanzenviertel war, weil alle zum 1. Mai nach Berlin fuhren, um sich die Tage danach von ihren Erlebnissen zu erzählen, sagt, dass er sich bei den Dreharbeiten „des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass es sich um ein extrem museales Ereignis handelte“.

Ritualisierte Abläufe, Katz-und-Maus- Spiele mit der Polizei und regelmäßiges Ausrufen der Revolution machten auf ihn keinen Eindruck. Noch mehr Abstand hat Jakob Ziemnicki, der als Fünfjähriger 1980 mit seinen Eltern aus Polen ausreiste. „Ich fand es damals schon komisch, wenn meine Freunde für den Kommunismus demonstrierten“, erinnert er sich, „ich war dann eher mit Exil-Polen auf der Gegenveranstaltung.“

Viele Freunde wird ihr Film deshalb bei der linksautonomen Szene nicht haben. Aber dessen sind sie sich bewusst. Es ist ein Experiment, auch in dieser Beziehung, dass auch deshalb funktionierte, weil die Krawalle zum 1. Mai im vergangenen Jahr im Wesentlichen ausgeblieben sind. „Wenn etwas passiert wäre, hätten auch die Geschichten einen anderen Dreh bekommen“, sagt Sven Taddicken. Auch das wäre ein Teil des Experiments geworden. Doch dazu kam es nicht.

Premiere: Freitag, 8. Februar, 19 Uhr (Cinemaxx 3 mit allen Darstellern und Regisseuren. Weitere Vorstellungen: morgen 13 Uhr (Colosseum) und 20.30 Uhr (Cinemaxx 1)

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