Premiere von "Judith" : Volksbühne Babylon

Frank Castorf inszeniert zum Abschied Friedrich Hebbels „Judith“ - fünf Stunden, die sich länger anfühlen als sechs. Flucht ist allerdings keine Option.

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Wo ist das Nadelöhr? Birgit Minichmayr als Judith mit Begleitung im Bühnenraum, der eigentlich der Zuschauerraum ist.
Wo ist das Nadelöhr? Birgit Minichmayr als Judith mit Begleitung im Bühnenraum, der eigentlich der Zuschauerraum ist.Foto: imago/DRAMA-Berlin.de

Um 23.30 Uhr kommt das Kamel. Drei Minuten später ist es weg. Mist!

Das Kamel bringt Struktur in eine Vorstellung, die keinen Fokus hat, keinen Rhythmus und einen schlechten Sound. Vielleicht bleibt es auch fünf oder sechs Minuten auf der Bühne, die eigentlich der Zuschauerraum ist, weil die Zuschauer diesmal auf der Volks-Bühne sitzen – jedenfalls ist der Kamel-Auftritt viel zu kurz und rein anekdotisch.

„Judith“ wurde 1840 in Berlin uraufgeführt, Friedrich Hebbels sexuell aufgeladenes Porträt einer starken Frau. Die Tragödie spielt im Nahen Osten. Deswegen hier Filmaufnahmen aus Palmyra. Man befürchtet Schlimmes. Mit den Exekutionen und bestialischen Videos des „Islamischen Staats“ aber spielt Frank Castorf nicht, da hält er sich zurück, auch wenn Dramaturg Carl Hegemann sich auf der Volksbühnen-Website so seine Gedanken zu Terrorismus und Medien macht. Um die Lage in Israel dreht es sich auch nicht, eher um ein diffuses arabisches Gefühl.

Das Finale hat Kraft

Castorf hat früher schon Tiere auf der Bühne gehabt – unvergessen Herbert Fritschs Auftritt mit Riesenschlange –, und er hat auch schon einmal ein Drama von Hebbel inszeniert, „Die Nibelungen“. Das war 1995 und dauerte in der Long-Version die ganze Nacht bis zum Frühstück. „Judith“ dauert, mit Pause, immerhin auch gut fünf Stunden, erst nach Mitternacht ist man wieder draußen. Und da der Fluchtweg eben über die Bühne führt, ist an Flucht zwar zu denken, aber nichts zu machen. Die Hoffnung ruht auf Birgit Minichmayr und Martin Wuttke, und nur als kleiner Tipp: Das Fiese bei diesem Castorf ist, nicht zum ersten Mal, dass es gegen Ende erst richtig losgeht. Mit dem Kamel. Die letzte halbe Stunde, in der Konzentration auf Judith und Holofernes, die Freiheitskämpferin und den Belagerer, die Schöne mit dem Schwert und den babylonischen Feldherrn ohne Kopf – dieses Finale hat Kraft.

Unausrottbar

Wenn sie denn endlich aufhören mit dem Ironisieren und Herumäffen: Jetzt hört man Wuttke zu, seinen aasigen Reden, versteht auch Minichmayr, die mit dem Monster schlafen muss, um ihm nachher den Kopf abzuschlagen. Ein spätrömisches Paar in Goldfummel und heftig philosophierender Dekadenz, todessüchtig. Zwei großartige, markante Schauspieler, die miteinander kämpfen, wenn es auch offenbar keine große Rolle spielt, um was der Kampf auf Leben und Tod geht. Ohnehin läuft Wuttke/Holofernes die ganze Zeit mit seinem abgeschlagenen Kopf herum, und Judith muss kapieren, dass das Vieh von Mann unausrottbar ist.

Die meisten Szenen spielen sich in Zelten und anderen Verstecken ab, man sieht sie durch das Auge der Handkamera auf dem Screen. Und starrt in eine Landschaft aus schwarzen Sitzsäcken, die bei anderen Aufführungen im Saal verteilt sind. Es ist das Arrangement für Castorfs Abschied von der Volksbühne, noch anderthalb Spielzeiten. Das Konzept stammt von Bert Neumann, der im Sommer so plötzlich starb; für die Einrichtung des „Judith“-Raums wird Caroline Rössle Harper genannt.

Die Frage ist: Was passiert bis zum Showdown, in diesen langen Stunden? Sie rennen, brüllen, werfen sich auf die Säcke, hängen in den roten Zelten ab, Hektik, Hysterie. Und „Heliogabal“: Der Hebbel-Text wird gespickt mit diesem Text von Antonin Artaud und Heiner Müllers „Auftrag“, dem Stück über die kaputte Revolution in Haiti und das prophezeite Vordringen der sogenannten „Dritten Welt“ in die Erste, die unsere. Müller passt immer, Artaud auch, von dem Müller sagte, man werde seine Werke auf den Trümmern Europas als Klassiker lesen.

Einfach langweilig

Nun aber erst einmal die Trümmer Hebbels in dieser seltsam leeren Inszenierung. Castorf benutzt die Mittel, die ihm nun einmal zur Verfügung stehen, vor allem das Video. Bei den „Brüdern Karamasow“ neulich hatte das eine ganz andere Qualität, es gab ein Wechselspiel von direkt und indirekt gefilmten Auftritten. Die über sechs Stunden Dostojewski sind kürzer als die reichlich fünf Stunden Hebbel. Einfach langweilig.

Es macht fast den Eindruck, als wolle sich Castorf eingehend und ernsthaft mit Religion und Monotheismus beschäftigen; „Judith“ variiert schließlich eine biblische Geschichte. Dazu stellt Castorf einen Chor aus Männern und Frauen hin, der schrecklich brüllt und grimassiert und manchmal herumhüpft, als wollten sie den alten deutschen Ausdruckstanz karikieren. Es ist im Grunde ein aus allen Fugen geplatzter, wahnsinnig gewordener René-Pollesch-Chor in Eurythmie-Gewändern.

Wie ein explodierter Voodoo-Ritus

Jeder Regisseur, der so viel arbeitet wie Frank Castorf, würde irgendwann den Überblick verlieren. Ist das jetzt noch „Karamasow“ oder schon „Judith“, München, Stuttgart oder Berlin, und nachher funktioniert es doch alles wie ein explodierter Voodoo-Ritus.

Vieles klappt nicht gut oder gar nicht. Der Raum verschluckt den Ton, auch bei den Videogeschichten, die sowieso endlos sind. Keine gute Idee, das Publikum auf die Bühne zu setzen. Die schwierigen akustischen Verhältnisse der Volksbühne verbessern sich nicht, wenn die Akteure im Auditorium herumirren, während die Zuschauer vielleicht überlegen, ob man das nächste Mal ein Opernglas mitbringt.

Dem Kamel ist das egal. Holofernes schaut Pornos am Schluss, aus den Lautsprechern dröhnt zur überraschend dezenten Mordszene mal nicht arabischer Pop, sondern „The Power of Love“ von Frankie goes to Hollywood. Frankie geht aber in Wahrheit ans Berliner Ensemble inszenieren, wenn hier alles erledigt ist.

Wieder am 22., 23., 28. Januar sowie am 12. und 20. Februar.

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