Pressekonferenzen : Next question, please!

Drei Mal täglich Karneval: Manchmal sind die Pressekonferenzen der bessere Film. Um gegen jede Wahrscheinlichkeit das Unerhörte aus den Stars hervorzukitzeln, wählen viele Kollegen auch in diesem Jahr eine ausgebuffte Überrumpelungstaktik.

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„Haben Sie schon mal Viagra genommen?“ Nicht jeder Star mag solche Fragen. Foto: Davids Foto: DAVIDS
„Haben Sie schon mal Viagra genommen?“ Nicht jeder Star mag solche Fragen. Foto: DavidsFoto: DAVIDS

Es gibt Rituale, ohne die kann man nicht. Sich angetrunken in der Kneipe über die FDP aufregen. Oder sich Berlinale-Pressekonferenzen anschauen. Man weiß ja, dass es nichts bringt, und dann macht man’s trotzdem wieder. Im letzteren Fall drei Mal täglich. Viele Festivalgenerationen haben bewiesen, dass man auf diesen Veranstaltungen wenig bis gar nichts über Filme oder Filmemacher erfährt. Nie wurde das deutlicher als 1998, auf der Pressekonferenz zu Terrence Malicks „The Thin Red Line“. Erste Frage an den Regisseur, der zuvor 20 Jahre keinen Film gedreht hat: „Mr. Malick, müssen wir nun wieder so lange auf ein weiteres Meisterwerk von Ihnen warten?“ Antwort: Keine. Malick war gar nicht im Saal.

Um gegen jede Wahrscheinlichkeit das Unerhörte aus den Stars hervorzukitzeln, wählen viele Kollegen auch in diesem Jahr eine ausgebuffte Überrumpelungstaktik. Die Methode: Frage das Banalste. Liebe Jurypräsidentin Isabella Rossellini, wie war es, als Tochter so berühmter Eltern aufzuwachsen? Statt endlich zu offenbaren: „Es war eine Hölle, gegen die Dickens-Romane wie Disneyland wirken“, antwortet sie mit versöhnlichem Blabla. Ein anderer Klassiker: die Frage nach der Verwandtschaft zwischen Schauspieler und Figur. Zoë Kravitz, können Sie sich mit der gebeutelten Teenagerin Sweetness aus „Yelling to the Sky“ identifizieren? Als Entgegnung wäre „Bei Ihnen piept’s wohl!“ statthaft gewesen. Aber Frau Kravitz, Tochter des Rockstars Lenny K., bekennt tapfer, zwar nicht exakt in desolaten Prekariatsverhältnissen aufgewachsen zu sein, doch menschliche Regungen wie Trauer oder Zorn seien ihr nicht ganz fremd.

Als Jack Nicholson vor Jahren die Komödie „Was das Herz begehrt“ auf der Berlinale vorstellte – er spielt darin einen gealterten, Viagra schluckenden Musikproduzenten –, wollte jemand wissen, ob er, genau, auch schon mal Viagra genommen hat. Was dem Mann nicht mal ein halbes Wolfsgrinsen wert war, während der Moderator rief: „Next question, please“.

Immerhin für Momente entgleisten Leonardo DiCaprio die Gesichtszüge, als er anno 2000 auf der PK zu „The Beach“ von einem Kollegen in unerschrockenem Englisch gefragt wurde, ob er sich nicht vorstellen könnte, Geld für Bosnien zu spenden. Wie wär’s mit 10 000 Dollar? Next question please. Manchmal schlagen die Stars auch zurück. Wie in diesem Jahr Harry Belafonte, der die versammelte Pressemeute mit etwa 30-minütigen Auslassungen über schwarzes Bewusstsein einfach niederredete.

Klar, das Gros der Pressekonferenzen findet jenseits von solch irrlichterndem Glamour statt. Da sitzen sie dann, all die mongolischen, turkmenischen und deutschen Kunstschaffenden und reden vor lichten Reihen gegen die Vergeblichkeit an. Regisseur Ulrich Köhler musste auf dem Podium zu seinem Film „Schlafkrankheit“ nicht lange warten, bis ein ukrainischer Journalist die Veranstaltung mit dem Kommentar aufzulockern versuchte, er sei während des Films selbst fast eingeschlafen. Da hatte Köhler noch Glück. Als Romuald Karmakar seinerzeit das Beziehungsdrama „Die Nacht singt ihre Lieder“ vorstellte, lautete die Eröffnung: „Herr Karmakar, Glückwunsch zu diesem Horrorfilm. Ist es Teil eines selbstmörderischen Gesamtkonzeptes, den im Wettbewerb zu präsentieren?“ Endlich Leben in der Bude!

Mittlerweile haben viele Kritiker es sich abgewöhnt, überhaupt Fragen zu stellen. Stattdessen reden sie über ihre Gefühle, wahlweise ihre Familiengeschichte. Inspiriert vom Finanzkrisen-Thriller „Margin Call“ erzählte eine Kritikerin von ihrem Vater, der 40 Jahre lang ihre Mutter hintergangen hatte. Die Konferenz zu „Almanya“ bot einer französischen Kollegin Anlass, den Schulterschluss mit den Deutschtürken auf dem Podium zu suchen – sie wisse genau, wie man sich als Ausländer in Deutschland fühle, sie lebe schließlich in Dresden. Und nach Wim Wenders’ „Pina“ standen sie reihenweise auf und riefen Sätze wie: „Ich habe geweint, ich weine immer noch.“ Ein bisschen wie im Karneval, da sind die Schamgrenzen auch außer Kraft gesetzt.

Es war anlässlich des Eröffnungsfilms „True Grit“, als aufblitzte, wozu diese Veranstaltungen eigentlich da sind. Das FrageAntwort-Spiel plätscherte so dahin, da erhob sich ein Reporter des Kinderkanals, einen Plüschteddy im Arm, und erkundigte sich freundlich, was es am Set zu essen gab und welches die Lieblingsgummibärchenfarbe der 14-jährigen Hauptdarstellerin Hailee Steinfeld sei. Jeff Bridges, durch nichts zu erschüttern, rief: „Einen Proteinshake, und dann Mittagschlaf“, Steinfeld stammelte: „Rot“.

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