Kultur : Pretty in Pink

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Rüdiger Schaper wartet darauf,

dass die Show beginnt

Eines Tages könnte die Welt der Pop-Konzerte völlig neu und schön sein. Es wäre alles nur eine Frage der Werbung und Vermarktung, vor allem bei den riesengroßen Open-Air-Events, wo sich das Geschehen ohnehin hauptsächlich auf Video-Screens abspielt. Lange Werbeblöcke vor und nach dem Auftritt – und mittendrin, nach jedem dritten oder vierten Song: Damit ließen sich, nach dem Vorbild des Privatfernsehens, die Ticketpreise radikal reduzieren. Oder man hätte gleich freien Eintritt. Wo ist schon eine derart homogene Zielgruppe so brav und gut gelaunt und aufnahmebereit beieinander wie bei einem Konzert ihrer Stars?

Berlin, Max-Schmeling-Halle, Sonntagabend bei Pink. Tickets: 40 Euro aufwärts. Auf die Idee mit der Werbung sind die Veranstalter allerdings schon selbst gekommen. Nur dass man die Commercials gleichsam gratis dazubekommt und ertragen muss. Ein Spot für geile Handys, eine Gel-Werbung, damit sich jeder coole Junge das Richtige ins Haar schmiert, und ein Spot für Mädchen-Rasierer, da fühlst du dich wie eine Göttin am Strand. Drei gewaltige Leinwände umrahmen die Bühne, und so geht es eine Stunde lang, von Acht bis Neun. Zwei Mädels legen Tanzmusik auf, hampeln herum, und dann wieder: Handy, Haargel, Bein- und Achselhaar-Rasur. Endlich sind die nervigen Animateusen weg, da geht es von vorn los: Handy, Haargel, Damenrasierer. Und noch einmal, weil es so schön ist. Die Botschaft der Produkte, was schon: Strand, Sex, dauernde Verfügbarkeit, endloser Fun.

Es ist die Botschaft des Pop, sein ewiges Versprechen. Für Autos, Katzenfutter oder Lebensversicherungen wirbt man hier nicht. Immerhin: Die beiden DJessen werden mit Buhs von der Bühne geschickt, während das Publikum die Werbeeinspielungen gelassen hinnimmt. Das gehört zur MTV-Konditionierung. Sieht so also die Zukunft der Rockkonzerte aus: Werbung für Haarwuchsmittel, Viagra und Bordeaux-Weine bei den Rolling Stones? Spots von Scheidungsanwälten und Reha-Kliniken bei Joe Cocker? Don’t let me get me, I’m my own worst enemy. Wie hat Pink das wohl gemeint?

Mal rot, mal blond, mal schwarz: Die 24-jährige Amerikanerin kam auch noch und hat anderthalb Stunden gesungen wie der Teufel (darunter drei akustische Janis-Joplin-Nummern!). Eine großartige Show, bei der man lernen konnte: Es gibt kein Haargel, kein Handy und kein Rasierzeug zu kaufen, das dich so wild und sexy macht.

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