Preußen-Ehe ohne Heil : Im Schatten des Königs

Vor 300 Jahren wurde Elisabeth Christine, Ehefrau Friedrichs des Großen, geboren. Am Hof hatte sie keine Chance.

Robert Rauh
Die abgeschobene Ehefrau des alten Fritz, Elisabeth Christine, wäre ein gutes Beispiel, wenn im Geschichtsunterricht über Frauenrollen gesprochen werden soll.
Die abgeschobene Ehefrau des alten Fritz, Elisabeth Christine, wäre ein gutes Beispiel, wenn im Geschichtsunterricht über...Foto: IMAGO

Sie spielte keine Rolle. Auf dem Festakt zum 300. Geburtstag von Friedrich II. im Berliner Schauspielhaus 2012 wurde die preußische Königin Elisabeth Christine, die Frau des Jubilars, mit keinem Wort erwähnt. Das wäre ganz in Friedrichs Sinne gewesen. Auch in seinem Leben spielte sie keine Rolle. Elisabeth Christine war zwar die erste Frau in seinem Staat, wurde jedoch gleich nach Friedrichs Thronbesteigung kaltgestellt. Am 8. November jährt sich nun ihr Geburtstag zum 300. Mal – ein kleiner Festakt des Fördervereins Schloss Schönhausen erinnert an die verkannte Königin.

Wer eine der skurrilsten Fürstenehen der preußisch-deutschen Geschichte verstehen will, findet den Schlüssel in der tragischen Auseinandersetzung zwischen Friedrich und seinem Vater, dem preußischen König Friedrich Wilhelm I. Nach dem gescheiterten Fluchtversuch des Kronprinzen 1730 verlangte der tyrannische Vater von seinem inhaftierten Sohn die totale Unterwerfung. Dazu gehörte auch die Eheschließung mit Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern (1715–1797). Friedrich, dem der Vater zugesichert hatte, er dürfe zwischen mehreren Prinzessinnen wählen, fühlte sich durch die fehlende Mitsprache, die provinzielle Herkunft sowie die angebliche intellektuelle Beschränktheit seiner künftigen Gemahlin gedemütigt. Ihm war außerdem zugetragen worden, die junge Welfen-Prinzessin sei hässlich und dumm.

Bereits vor der Hochzeit sprach der künftige Gatte von Scheidung und Verstoßung

Es verwundert daher nicht, wenn Friedrich bereits 1732 prognostizierte, er werde die Prinzessin nach seinem Herrschaftsantritt verstoßen, wenn man ihn zur Ehe mit ihr zwingen wolle. Und wörtlich: „Ich will keine dumme Gans zur Frau haben. Ich müsste mit ihr vernünftig reden können oder ich mache nicht mit.“ Er versuchte es mit einer Doppelstrategie: Dem Vater versprach er „untertänigen Gehorsam“, den königlichen Vertrauten Grumbkow beschwor er, seinem Vater das Eheprojekt auszureden. Er drohte sogar mit Selbstmord. Grumbkow weigerte sich jedoch, sodass dem Kronprinzen nur noch blieb, seine Opferbereitschaft zu betonen. Schließlich fügte er sich, denn diese Ehe war der Preis für die lang ersehnte Freiheit und seine vollständige Rehabilitation am preußischen Hof. Und er ließ sich eine Hintertür offen: Bereits vor der Hochzeit sprach er wahlweise von Scheidung und Verstoßung.

Elisabeth Christine hatte also von Anfang an keine Chance in Berlin. Bis auf den König, der von seiner Schwiegertochter „entzückt“ war, begegnete ihr der Hohenzollern-Clan mit Ablehnung und Verachtung. Friedrich räumte zwar ein, die Prinzessin sei hübsch, ihm aber zu still und unselbstständig. Die 16-Jährige war einen Kopf größer als der selbstbewusste Kronprinz, konnte ihm, dem talentierten Fürsten-Musiker und brillanten Rhetoriker kaum das Wasser reichen – auch war er der bessere Tänzer. Die Hochzeit 1733 sollte auf Friedrichs Wunsch ein glänzender Staatsakt werden, in dem er selber die Rolle des ersten Staatsschauspielers übernahm. Die Ehe blieb kinderlos – wobei beide unabhängig voneinander betonten, sie hätten alles versucht.

Die Kronprinzenzeit in Rheinsberg (1736–40) charakterisieren sie als ihre glücklichste, wobei nur Elisabeth Christine dies auch mit einer ehrlichen, bedingungslosen Liebe zum Gatten verbindet. Friedrich dagegen betont, er sei niemals verliebt gewesen. Allerdings beginnt er seine Frau zu schätzen – und zu instrumentalisieren: Sie wird seine wichtigste Marketingwaffe im Kampf um die Gunst des unberechenbaren, misstrauischen Vaters. Zudem beschafft die Kronprinzessin ihrem stets klammen Gatten nicht nur Geld (was sie zeitlebens in Schulden stürzt), sondern fungiert auch als Vermittlerin, um Friedrichs Forderungen bei ihrem Bruder, dem Herzog von Braunschweig, durchzusetzen. Dabei setzt er das „sanfte Gemüt“ auch emotional unter Druck.

Nach der Thronbesteigung tritt nicht ein, was viele vermuteten und Elisabeth Christine befürchtet: Friedrich lässt sich nicht scheiden. Er achtet sogar darauf, dass die neue preußische Königin gebührend behandelt wird. Im Berliner Stadtschloss erhält sie einen eigenen Wohnbereich, doppelt so groß wie der des Königs. Aber in Sanssouci ist sie nicht erwünscht, auch besucht er sie nie in Schloss Schönhausen, ihrer Sommerresidenz. Ihre Begegnungen finden nur noch im Rahmen des höfischen Zeremoniells statt. Auch die Thronfolge regelt er ohne sie: Bereits 1741 erklärt er seinen Bruder August Wilhelm zum Nachfolger. Seine Briefe während der Kriegsjahre sind kurz, kühl, im Stil nüchterner Kriegsberichterstattung.

Noch verletzender für Elisabeth Christine ist der konsequente Ausschluss von Hof- und Familienfesten: „Ich bleibe ganz allein (...) zurück wie eine Gefangene, während sich die anderen amüsieren.“ Über seinen Tod hinaus will sie sich nicht eingestehen, dass weniger die „lügenhaften Zungen“ in der Hohenzollern-Familie und die „falschen Freunde“ ihres Mannes, sondern Friedrich persönlich für ihr Schattendasein verantwortlich war. „Wenn mein zimperlicher Griesgram“, schrieb er 1746 an seinen Bruder, „an dem Ausflug nach Charlottenburg teilnimmt, so wird sie, fürchte ich, das ganze Fest stören.“

Wie ertrug sie diese Demütigungen? Sie klagte kaum, spann keine Intrigen, nahm sich keine Liebhaber – ihre tiefe Frömmigkeit hätte das auch gar nicht zugelassen. Stattdessen erduldete sie die Missachtungen, freute sich über die noch so geringe Zuwendung und erwies Friedrich alle geforderten Repräsentationsdienste mit geradezu preußischem Pflichtbewusstsein. Nach außen wahrte sie den Schein; ihre unmittelbare Umgebung klagte dagegen über Wutausbrüche und Übellaunigkeit.

Friedrich blieb für Elisabeth Christine ein großer Fürst - trotz allem

Elisabeth Christine lenkte sich ab: Sie malte, beschäftigte sich mit Musik und Literatur, übersetzte Schriften ins Französische, die auch veröffentlicht wurden. Und „sie tröstet sich in ihrem Schönhausen“, wie ihr Kammerherr schreibt, wenn sie mal wieder nicht zum Hoffest durfte. Das Schloss war nicht Verbannungs-, sondern eher Zufluchtsort.

Dennoch blieb Friedrich für sie ein großer Fürst – bis zu ihrem Tod 1797. Es hat sie offenbar getröstet, den König aufgrund seiner Macht- und Ruhmsucht und nicht an eine Mätresse oder einen Liebhaber verloren zu haben. Er dagegen blieb zeitlebens gleichgültig ihr gegenüber. Er brauchte sie nicht: nicht als Ehefrau, nicht als Familienmitglied, nicht für seine Tafelrunden, nicht für die Regierungsgeschäfte. Elisabeth Christine war Friedrichs Schattenfrau. Mit Blick auf seine Ehegeschichte kann nur konstatiert werden: Friedrich – kein Großer!

Der Autor ist Historiker und Schulbuchautor und moderiert Gespräche zur „Frauensache“-Ausstellung im Schloss Charlottenburg. Am 19. November hält er im Potsdam Museum einen Vortrag über Elisabeth Christine und Friedrich II. (Beginn: 18 Uhr, Am Alten Markt 9).

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