Kultur : Preußen-Jahr: Am Rande der Sittsamkeit

Christine Lemke-Matwey

Erziehung

Das Abendessen zum Beispiel. Messer rechts! Gabel links! Und wehe, du sprichst mit vollem Mund!, zürnte der Vater, obschon das Kind die sich auf seinem Teller türmenden Fischstäbchen um nichts in der Welt früher als nötig angerührt hätte. Erstens klang ihm der unvermeidlichste aller unvermeidlichen Sätze in den Ohren: "Man wartet, bis alle am Tisch sitzen!" - woraus zu schließen war, dass sich das Erwachsenenleben hauptsächlich aus Warten an Tischen zusammensetzte. Zweitens stand, darüber machte sich das Kind keine Illusionen, stets das Schrecklichste zu befürchten. Was, wenn es in diesem winzigen unbeobachteten Moment an der säuberlich gedeckten Tafel mit den säuberlich erkaltenden Fischstäbchen heimlich ein Stückchen von der Pannade abknusperte - und dieser Bissen ihm herunterfiele, just dann, wenn der Vater jovialen Feierabendschrittes den Raum betrat? Die kindliche Untugend des Nicht-Warten-Könnens wäre einmal mehr bewiesen, die Untugend zügelloser Unbescheidenheit und Gier hätte sich aufs Hässlichste hinzugesellt, und was den üblichen Ungehorsam und die pituablen Manieren betraf ..., na ja. Iss doch gleich unterm Tisch, hätte der Vater geknurrt, nicht ahnend, dass dieser Vorschlag die Fantasie des Kindes aufs Tollste beflügelte: Wie Schneewittchen sah es sich zu Füßen der Erwachsenen über eine lukullisch sich biegende Zwergentafel gebieten, wie Max und Moritz würden ihm statt der verhassten Fischstäbchen endlich knusprige Hühnerschenkel und saftige Kohlrouladen aus den Ohren quellen ... Einem blitzenden Schwert gleich fuhr an dieser Stelle gemeinhin die väterliche Stimme in den Märchentraum: Ach, würdest du dich einmal nur auf deine preußische Erziehung besinnen! Preußische Erziehung, das musste etwas sein, was an dem Kind um keinen Preis haften blieb. Dabei grüßte der Vater selbst schon von vergilbten Vorkriegsfotos, als Dreijähriger, wie ein strammer kleiner Zinnsoldat. Der Vater nämlich stammte aus Ostpreußen. Schenkte man wiederum seinen Eltern Glauben, handelte es sich dabei um ein versunkenes Land, in dem es so unerhört sauber und so fabelhaft ordentlich zuging, dass alle bösen Kinder restlos aufgeräumt - und von Geburt an erwachsen waren. Vielleicht lag es an der schlichten Tatsache, dass das Kind zum Zeitpunkt seiner Erziehung im Rheinland und im barocken Oberbayern lebte; vielleicht war es aber auch der Einschlag der Familie mütterlicherseits, der das Kind frühzeitig zum hoffnungslos resistenten Fall stempelte. "Wir hatten drei Tage durchgefeiert", notierte die baltische Großmutter in ihren Erinnerungen, "jetzt mussten wir uns ausruhen." Keine Rede von Gabel links! Vielmehr: Hoch die Tassen, ein Lied auf den Lippen und flott über alle Tische getanzt! In einer verborgenen Ecke seines Herzens aber ist das Kind bis heute für seine preußische Erziehung dankbar. Irgendwie.

Christine Lemke-Matwey

Redlichkeit

Bleibe im Lande und nähre dich redlich", fordert schon die Bibel. Und propagiert damit den Nahrungserwerb durch ehrliche Arbeit. Dass den alten Preußen die Redlichkeit als Kardinaltugend galt, verwundert nicht. Schließlich ging ihnen seit Friedrich Wilhelm I. die pietistische - und etwas karge - Freude an der Arbeit über fast alles.

Im Althochdeutschen bezeichnete dieses Wort etwas durch und durch Positives: "So, wie man darüber Rechenschaft ablegen kann." Ein Lebenswandel also, dessen man sich nicht zu schämen brauchte. Später stand Redlichkeit für "sittlich einwandfrei", "anständig", "gehörig" - also eher subjektive Charakterzeichnungen. Denn was zu Zeiten Preußens als "sittlich einwandfrei" galt, hatte nur sehr wenig mit den Sitten der alten Ritter gemein. Und wenn eine Mutter im Berlin des 18. Jahrunderts ihr aufgewecktes Kind ermahnte: "Das gehört sich nicht!", so löst ähnliches Verhalten heute womöglich Stolz aus.

Politik allerdings verträgt sich nicht mit Redlichkeit - weshalb es sich nicht gerade um die hervorstechendste Eigenschaft der preußischen Herrscher handelt. Kurfürst Friedrich III., der so gern König werden wollte - und es 1701 als Friedrich I. auch wurde -, hat nur mit Erpressung erreicht, dass der Kaiser seine Plänen billigte. Der Kaiser brauchte Soldaten, der Kurfürst gab sie ihm - wenn er der Krönung zustimmte. Auch Friedrich der Große bewies nicht gerade Anstand, als er das Nachbarland Österreich überfiel, um Maria Theresia Schlesien abzujagen. Und Friedrich Wilhelms II. Mätressenwirtschaft hatte nun rein gar nichts mit Sittlichkeit zu tun. So hielten es die Preußenkönige bei ihrer Großmachtpolitik (oder aus galantem Interesse) lieber mit dem Prinzen aus Lessings "Emilia Galotti": "Nicht so redlich, wäre redlicher." Redlich, das steht auch für bieder und langweilig - und kann sich ins gänzlich Negative wenden. In Zeiten, in denen persönliche Beurteilungen von Geheimcodes dominiert werden, lässt sich damit sogar Unvermögen euphemistisch ummänteln. "Er hat sich redlich bemüht": Vernichtender kann ein heutiges Arbeitszeugnis kaum ausfallen. Ingo Bach

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